Pilgerfreunde

Pilgerfreunde

Beim Reisen lernt man oft sehr viele Menschen kennen. Aber vor allem, wenn man alleine reist lernt man Menschen sehr intensiv kennen. Man gewinnt in kürzester Zeit Freude dazu, man hilft und man vertraut sich gegenseitig. Oft fühlt es sich nach ein, zwei Tagen an, als würde man die andere Person Ewigkeiten kennen. Ich habe das schon häufig erlebt und vor allem auf meinen Reisen wo ich mit dem Rucksack von Hostel zu Hostel und Ort zu Ort gereist bin. Es ist immer schön jemanden bei sich zu haben, zu wissen man kann sich auf eine Person verlassen und die schönen Momente mit jemandem teilen. Das Schöne ist, dass die Mentalität und Einstellung der Menschen auf solch Reisen häufig sehr ähnlich sind und obwohl man viel Zeit miteinander verbringt (wenn man seinen Travelbuddy gefunden hat) man immer genug Zeit und Freiraum für sich hat und sie auch dem anderen gibt. Man klebt nicht an jemandem und jeder macht immer noch sein Ding und das ohne darüber sprechen zu müssen. Auf meinen vielen Reisen habe ich alles mögliche erlebt und gesehen. Ob es ein offenes Ohr war, finanzielle und organisatorische Hilfe oder Unterstützung anderer Art. Die Güte der Reisefreunde, die man gerade erst kennengelernt hat, ist unbeschreiblich. Mir wurden zum Beispiel mal 50 Euro in die Hand gedrückt, als ich mich verkalkuliert hatte und Mitten in Neuseeland kein Geld mehr fürs Übernachten und Essen hatte. Etliche Male wurde mir die Waschmaschine von Fremden bezahlt, weil ich kein Kleingeld mehr besaß. Wie oft sah ich wie sich diese fremden Freunde gegenseitig beschenkten, weil sie mitbekamen, dass der andere etwas brauchte. Von meinen letzten Dollars habe ich mal einer Reisefreundin ein kleines Abschiedsgeschenkt gekauft, da es unser letzter gemeinsamer Tag war und ich ihr etwas mitgeben wollte. Ich lernte auf meiner Reise durch Neuseeland ein Mädel kennen mit der ich dann für 7 Tage zusammen reiste und in dieser Zeit tauschten wir sogar gegenseitig Klamotten (sogar BHs) aus, damit jede auch mal was anderes tragen konnte und sich damals an Silvester „besonders“ fühlte. Ich könnte so ewig weitererzählen. Das ist einer der Gründe wieso ich das Reisen so liebe. Ich liebe die Menschen die man trifft und diese Güte, die man erfährt. Natürlich trifft man nicht nur gute Menschen auf Reisen. Man muss immer wachsam sein, aber so ist das in allen Bereichen im Leben. 

Die Menschen, die man auf dem Camino trifft, sind auch nochmal was sehr besonderes. Meistens hat jeder einen Grund, wieso er oder sie 800 km über einen Monat durch Spanien läuft. Diese Menschen sind oft in einem Lebensumbruch, suchen nach Antworten für gewisse Fragen, möchten etwas in ihrem Leben verändern, möchten mehr in der Natur sein oder auch etwas ganz neues ausprobieren und sich beweisen, dass sie diese Herausforderung schaffen. Egal was es ist, diese Menschen strahlen etwas besonderes aus und sind meist sehr offen und so liebevoll. Das ist mir jedenfalls ziemlich früh aufgefallen. Die Gespräche sind sehr angenehm, jeder nimmt jeden wie er ist und jeder hat die hilfsbereite und soziale Ader.

Wie ich schon in einem anderen Beitrag erwähnt habe, laufen dieses Jahr nicht so viele Menschen den Camino wie sonst. Somit ist die Camino Community sehr überschaubar. Da jeder seine Etappen anders läuft, mal weniger, mal mehr, mal einen Pausentag einlegt oder länger Halt macht, sieht man nicht jeden Tag die selben Gesichter. Doch man holt sich gegenseitig immer wieder ein und trifft sich in Dörfchen beim Essen, auf dem Weg oder Abends in den Herbergen. Nach einigen Tagen kennt jeder irgendwie jeden und man erzählt sich Geschichten oder erkundigt sich nach anderen Pilgern, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Es kommen lustige Sachen raus, wer wo mit wem was erlebt hat und bestimmte Etappen gelaufen ist. Das ist so schön und so lustig, denn man läuft den Weg irgendwie alleine und für sich, aber man ist niemals einsam. 

 

Nach dem wunderschönen Abend in Torres del Rio lief ich ein Stückchen alleine und traf Aaron dann nach einigen Kilometern in Viana zum Essen. Ich sah wie er mit einem anderen Pilger ankam. Ich fragte ihn wer das gewesen ist und er erzählte mir es wäre ein Pilger aus Rumänien, den er auch noch nicht kannte. Aaron war aber nicht so sehr von ihm begeistert, denn der Mann hat eine leere Dose einfach so in die Natur geworfen. Wir fragten uns warum Menschen so etwas tun, vor allem wenn sie sehen wie schön sauber es ist und jeder das so schätzt. 

Die Strecke an diesem Tag gefiel mir sehr. Sie war sehr abwechslungsreich und man lief mal durch kleine Wäldchen und mal durch Felder. An diesem Tag sollten wir ,,Logrono“ passieren, eine große Stadt, in der auch viele Pilger halt machen. Ich bin generell nicht so ein Fan von großen Städten, deswegen versuche ich in diesen möglichst nicht zu übernachten. Wir wollten also nur durch Logrono durch, um dann im Ort danach für die Nacht halt zu machen. In Logrono machten wir noch einen Abstecher zu Decathlon, denn Aaron brauchte neue Schuhe und einen Rucksack. Wie man sieht braucht man für solch eine Menge an Kilometern Sachen, die es auch gut aushalten. Mit Schuhen haben aber auch sehr viele Pilger Probleme. Das kann man vorher nie wissen und wenn die Blasen nie ausheilen, dann muss man schauen, ob es nicht Sinn macht sich andere Schuhe zu holen. Logrono fand ich ganz schrecklich. Die Stadt war laut und voll. Ich habe immer große Probleme mich wieder in einer Stadt einzufinden, wenn ich vorher einige Tage nur durch kleine Dörfer und die Natur gelaufen bin. Ich habe aber von einigen gehört, dass die Stadt gar nicht so schlecht war und vielleicht habe ich ihr einfach keine Chance gegeben, aber wir sind ja auch nur durchgelaufen. Wir befanden uns nun auch in Rioja, der bekannten Weinregion und auf dem Weg konnte man immer wieder mal Weintrauben naschen. Unterwegs machten wir ein schönes und typisches Pilgerpicknick und unser Tag endete dann in einer kleinen Stadt mit dem Namen ,,Navarette“, wo wir den Thomas wieder trafen und auch eine Pilgerin aus Deutschland beim Essen kennenlernten, die den Camino zum 16. Mal läuft, über 70 und so gut wie blind ist. Abends liefen wir dann noch etwas herum und genossen den Sonnenuntergang. Wir trafen am nächsten Morgen beim rauslaufen aus der Stadt nochmals die ältere Dame vom Essen und da bat sie uns ihr aus der Stadt zu helfen, da ihr das etwas Schwierigkeiten bereitete und sie den Weg nicht gut fand. Ich fand das so bewundernswert und das hat mir echt zu denken gegeben. Man kann alles machen, wenn man es wirklich will. 

unser Pilgerpicknick
Abenddämmerung in Navarette

Der darauffolgende Tag hatte es ziemlich in sich und den werde ich auch nicht mehr so schnell vergessen. Da wir die Tage zuvor immer um die 30 km oder mehr gelaufen sind, wachte ich an diesem Tag schon erschöpft auf und kam auch nicht richtig in den Trott. Wir passierten einige Orte, die uns nicht sehr gefielen und es war auch wieder einer dieser schrecklich heißen Tage. Aaron verabschiedete sich auf dem Weg noch von seinen Schuhen. Sowas kommt auf dem Jakobsweg sehr häufig vor. Man sieht immer wieder Sachen, die die Pilger zurücklassen, aufgrund von Gewicht und weil sie merken, dass sie diese einfach nicht brauchen. 

Im Ort ,,Azofra“ angekommen aßen wir erstmal ein Pilgermenü und überlegten, ob wir nicht einfach da bleiben sollten. Bis dahin hatten wir etwas über 22 km gemacht und wir waren beide ziemlich müde vom Laufen und von der Sonne. Also entschieden wir uns zu bleiben und etwas mehr vom Tag zum Entspannen zu haben, und um am nächsten Tag wieder mit aufgeladenen Batterien zu starten. Mir fiel es schwer nach dem Ausruhen meinen Backpack wieder aufzusetzen, aber da ich wusste dass wir es für heute geschafft hatten, gab ich mir einen Ruck. Wir gingen Richtung Albergue und scherzten mal wieder viel rum und hatten auch wieder sehr gute Laune. Das Lachen sollte uns aber ziemlich schnell vergehen. Die Albergue sah nach genauerem hinschauen zu aus. Es fuhr eine Frau an uns vorbei und machte kurz halt, um uns mitzuteilen, dass in diesem Ort alle Alberguen geschlossen hätten. Wir schauten uns fassungslos an. Es war schon nach 15 Uhr, die Sonne knallte immer mehr und der nächste Ort lag 10 km weiter. 10 km! Nach einigen Sekunden des Schockzustandes blieb uns aber nicht anderes übrig als weiterzulaufen. Und die 10 km die auf uns zukamen waren für mich mit Abstand eine der härtesten, die ich hatte. Der Weg war mal wieder ohne jeglichen Schatten, die Sonne brannte auf uns runter und wir sahen einfach nur den endlos langen Weg, wo es am Ende durch die Hitze an der Oberfläche flimmerte. Es kamen auch noch paar Hügel hinzu und nach einigen Kilometern merkte ich das mein Wasser ziemlich knapp wurde. Mir wurde auch etwas schwindelig und schlecht und ich konnte die Hitze nicht mehr aushalten. Ich brauchte unbedingt Schatten. Nach einiger Zeit kam ein Baum wo ich mich mit letzte Kräften hinschleppte. Ich setzte mich und trank ein bisschen Wasser. Ich merkte aber, dass ich viel mehr brauchte, nur wollte ich nicht meine letzten Schlucke austrinken. Aaron sah, dass ich zu kämpfen hatte und er hatte noch etwas mehr Wasser als ich übrig und gab mir seins zum Trinken. Wir schauten uns an und wussten beide, dass wir unbedingt einen Brunnen brauchten. Vor uns lag der nächste Hügel ohne Schatten. Wir liefen los und nach einiger Zeit merkte ich wieder, dass es nicht mehr ging und ich sah das etwas weiter oben auf dem Hügel ein kleiner Baum an der Seite stand. Ich lief hin und stellte mich wieder unter. Aaron lief tapfer weiter. Ich trank den Rest aus den ich hatte (was natürlich nicht genug war) und ich wusste, dass wenn ich jetzt diesen Hügel hochlaufe und mich oben kein Schatten und ein Brunnen erwarten, ich umkippen würde. Ich lief los und sah Aaron nicht mehr. Als ich oben ankam, konnte ich meinen Augen nicht glauben! Da war ein kleiner Platz mit Bäumen und Bänken und ein Brunnen! Ich lief dahin und trank so viel auf einmal wie noch nie zuvor. Wir ruhten uns auf den Bänken aus und mussten lachen wie uns der Camino einen Streich gespielt hat und wir uns so entspannt in Azofra auf den freien Nachmittag gefreut hatten, er aber was anderes mit uns vorhatte. Wir kamen am späten Nachmittag dann endlich in dem ausgestorbenen Dorf an und fanden eine süße Unterkunft, wo auch mal wieder kein Pilger zu finden war. Fertig vom Tag, aßen wir nicht mal mehr was und fielen müde und früh ins Bett. 

Der Weg in der Hitze
eine kleine Aufmunterung auf dem Weg

Am nächsten Tag waren wir beide noch so fertig vom Vortag, dass wir beschlossen heute wirklich wenig zu Laufen. Und damit wir wieder keine böse Überraschung vorfinden, nahmen wir uns vor in dem nächsten Ort der uns gefällt zu bleiben. An diesem Tag liefen wir durch Santo Domingo, einer etwas größeren Stadt. Dort wollten wir frühstücken. Die Stadt war aber so ausgestorben, dass wir uns wirklich fragten was da los war. Wir fanden eine offene Bar, wo die Menschen auch noch so unfreundlichen waren und das „Frühstück“ uns nicht sehr befriedigte. Noch hungrig vom Vortag liefen wir unzufrieden weiter und fühlten uns in dieser Stadt sehr unwillkommen. Schnell ließen wir diese hinter uns. Kurz nach 12 Uhr und nach kurzen 17 Kilometern kamen wir in ein Dörfchen Namens ,,Granon“, welches uns auf den ersten Blick schon sehr gefiel. Wir mussten es nicht mal absprechen, wir wussten beide wir würden heute hier bleiben. Den Tag nutzten wir um zu Lesen, Mittagsschlaf zu halten, was trinken zu gehen und durch die Straßen zu schlendern. Ich besuchte eine kleine Kirche und schrieb an dem Blog weiter. Solch einen Tag haben wir beide unbedingt gebraucht! Die Herberge in der wir diese Nacht waren, war auf Spendenbasis. Das heißt, dass die Pilger umsonst schlafen und essen können und einfach das spenden was sie möchten. Mit uns waren auch einige andere Pilger, was echt schön war, da wir seit Tagen kaum andere Pilger getroffen hatten. Bei einem gemeinsamen Abendessen, welches von der Herberge gestellt wurde, lernten wir uns alle kennen und hatten einen super Abend. Die meisten waren etwas älter und kamen aus der Niederlande, aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Spanien. Es war so schön endlich mit so vielen Pilgern an einem Tisch zu sitzen. Wir tauschten Geschichten aus und wir erfuhren, dass einige von den Pilgern von einem anderen beklaut wurden, der sich für einige Tage ihrer Gruppe angeschlossen hatte. Es ging um ziemlich viel Bargeld und auch einige Gegenstände wie ein schweizer Messer. Das zeigte mir mal wieder, dass man nie nachsichtig werden sollte, egal wie schön und friedlich alles scheint. Es gibt leider immer Menschen, die das ausnutzen. Nach dem Essen gab Aaron uns noch ein kleines Konzert auf der Gitarre und ich fühlte mich so wohl zwischen all den Menschen, die ich vor einigen Stunden noch gar nicht kannte und wir sangen fröhlich mit. Dieser Tag war wieder so wundervoll und so anders als die anderen zuvor. Das ist das wundervolle am Camino. Auf der einen Seite macht man jeden Tag das Gleiche. Man läuft, kommt an und dann läuft man am nächsten Tag weiter. Auf der anderen Seite gleicht kein Tag dem anderen. Jeder Tag hält andere Überraschungen und Abenteuer für einen bereit. Neue Menschen, neue Herausforderungen und eine sich ständig wechselnde Landschaft.

Granon begrüßt uns

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