Keep walking, keep smiling!

Keep walking, keep smiling!

Mittlerweile denkt man überhaupt nicht mehr darüber nach was man hier eigentlich tut. Man steht auf und läuft. Und das jeden einzelnen Morgen. Und mittlerweile bin ich ein bisschen süchtig geworden. Die Gedanken sind aufs Minimum runtergefahren und so etwas wie Probleme gibt es nicht. Ich genieße einfach dieses Laufen, die Unterhaltungen mit Menschen, die Natur und die Ruhe. Ja, nach all dem kann man süchtig werden. 

Da die Pilger, die mit mir in Granon übernachtet haben, alle sehr früh losliefen, war ich dementsprechend noch früher wach als sonst.  Mittlerweile wird es abends und morgens schon ganz schön kalt. Die anderen brachen noch im dunkeln auf. Doch ich trödelte etwas rum und wartete auf die Morgendämmerung. Das ist meine liebste Zeit. Und wie immer hat es sich auch gelohnt, denn mich begrüßte nach einigen hundert Metern schon ein wunderschöner Sonnenaufgang. Generell war die heutige Strecke einfach nur wunderschön. Unendlich weite Felder, einige Hügel und Dörfer und am Ende kam noch eine Strecke im Wald. Ich war super gelaunt und hatte nach unserem entspannten Tag wieder meine ganze Kraft.

Der Sonnenaufgang über Grañón
Vorbei an Sonnenblumenfeldern 🌻
ein typischer Pilgerbrunnen

15 Kilometer gingen vorbei wie im Flug und dann trafen Aaron und ich uns wieder und machten weitere 15 mit links. Die vielen Kilometer ließen wir ohne es richtig zu bemerken hinter uns und wir wunderten uns teilweise wie wenig noch zum nächsten Ort übrig blieben. Wir hatten beide einen guten Tag. Wir hörten Musik und das einzige auf was wir uns konzentrierten war der schnelle Schritt. Wir kamen in einem etwas größeren Ort an und aßen erstmal etwas. Als wir uns hinsetzten merkten wir auf jeden Fall unsere Füße und den Rücken und eigentlich alles. Aber nach einer Pause wussten wir beide, es war noch nicht vorbei für heute. Wir nahmen uns vor die 40 zu knacken und unseren persönlichen Rekord aufzustellen. Wir befanden uns nun auch in der autonomen Region von Kastilien-Leon. 

544,4 Km bis Santiago 🙂

Wir liefen motiviert los, doch schon nach einigen Metern merkten wir, dass wir vielleicht nicht direkt nach dem Essen hätten loslaufen sollen. Alles fühlte sich schwer an und ich fühlte mich als würde mich was zu Boden ziehen. Die steilen Hügel, die uns erwarteten waren dabei keine Hilfe. Wir meckerten ziemlich viel rum und bei jedem Schritt hatten wir neue Schmerzen. Aber wir mussten da jetzt durch. Der nächste kleine Ort kam in 10 Kilometern. Nachdem wir die Hügel geschafft hatten kamen wir in einen Wald. Ich nenne ihn den Zauberwald, weil ich mir vorkam wie in einem Märchen. Hier war es definitiv angenehmer zu laufen und es war auch so schön. Mitten im Wald kamen wir auch an einer Stelle vorbei, wo man sich setzen konnte und wo wieder einiges von Pilgern aufgebaut war. Es sah ein bisschen aus wie eine Stelle von Indianern. Dort machten wir dann eine kleine Pause, um dann die restlichen paar Kilometer durchzulaufen.

Auf der Karte sahen wir, dass wir uns mitten im Wald befanden und, dass der Ort wo wir übernachten wollten aus einigen Häuschen bestand, wo dann der Wald weiterging. Das fand ich schön. Eine Herberge mitten im Wald. Wir malten uns mal wieder aus wie es dort wohl aussehen würde. Ich sehnte mich nach etwas kleinem und niedlichem. Und wonach ich mich schon seit Tagen sehnte war Pizza! Ich wollte seit Tagen eine essen, doch fand nie eine oder zur falschen Uhrzeit. Die letzten Kilometer waren dann nochmal ziemlich hart und wir mussten uns ordentlich motivieren. Es wurde auch sehr bewölkt und ab und an nieselte es. Doch irgendwann kam der Ortseingang und auch direkt unsere Albergue. Und sie war so so wunderschön! Ich hätte sie mir nicht schöner vorstellen können. Ich war hin und weg und vergaß die eben gelaufenen 40 Kilometer und meine Erschöpfung. Das Gefühl im Märchen zu sein hielt an. 

Unsere Märchenalbergue

Der Besitzer der Albergue war ein süßer alter Herr, der uns herzlich begrüßte. Außer uns übernachtete dort keiner. Wir hatten ein supersüßes Zimmer und es hatte das Bad mit drin, welches auch so schön aussah mit seinen gelben Fliesen. Nachdem wir unsere alltäglichen Aufgaben erledigt hatten, gingen wir runter in die kleine Bar/Restaurant der Albergue. Wir setzten uns an den kleinen Holztisch. Und… es gab Pizza! Der Tag hätte nicht besser werden können. Wir saßen in diesem gemütlichen Raum aus Holz, der alte Mann machte ein Feuer, es lief richtig schöne Filmmusik, ich trank einen Tee, wir spielten Karten und warteten hungrig auf unsere Pizza. Es kamen noch andere Pilger zum Essen und Wein trinken (es gab wohl noch einen anderen Schlafplatz in dem Örtchen). Wir haben unseren Rekord geknackt und wurden mit solch einem wunderschönen Abend belohnt. Wir waren müde, aber zufrieden. Alles war schön.

Als wir am nächsten Morgen ,,San Juan de Ortega“ verließen, war es noch dunkel und es nieselte. Es waren 6 Grad. Auf solche Temperaturen war ich nicht vorbereitet. Ich zog mir gefühlt alles an was ich hatte. Mir war zwar immer noch kalt, aber dafür war der Backpack federleicht. Heute war unser Ziel die große Stadt ,,Burgos“ . Ich merkte ziemlich schnell, dass meine Laune an dem heutigen Tag nicht gut war. Mir war kalt, ich hatte wieder hunger und ich war von den 40 Km vom Vortag sehr erschöpft. Es war wieder einer dieser Tage, wo wir nicht in den Trott kamen und ich muss auch sagen es war der erste Tag, wo ich keine Superlaune hatte. Aber das war auch okay, solche Tage gehören dazu. Es war Tag 10, seitdem ich losgelaufen bin und ich hatte mich auch an dieses Leben was ich zur Zeit führte sehr gewöhnt. Probleme von zuhause gab es nicht. Der Camino war ein eigenes kleines Universum. Wir waren ein Teil davon und fühlten uns dort sehr wohl. Der Weg nach Burgos war auch wieder relativ abwechslungsreich. Es ging erstmal durch ein wunderschönes Pinienwäldchen, dann auf einem etwas schwierigen Untergrund aus groben Steinen einige Hügel hoch, durch unsere geliebten Felder und auch durch kleine Dörfchen. Es fing auch schnell an sich aufzuhellen und wir hatten keinen Regen mehr. 

Als wir nur noch 8 Km übrig hatten, machten wir noch eine größere Pause. Wir waren beide sehr erschöpft und hatten keine Lust mehr. Vor allem, weil wir wussten, dass wir nun in die Stadt reinlaufen würden. Aber wie so oft mussten wir einfach durch. Und der Weg in die Stadt war wirklich einer der schrecklichsten gewesen. Es ging eine endlos lange Strecke an einer befahrenen Straße lang und zwar in einem Industriegebiet. Es zog sich sehr in die Länge. Irgendwann kamen wir dann endlich dem Zentrum nahe und bald sahen wir auch schon den Kirchenturm. Auf dem Weg ist uns noch etwas lustiges passiert. Wir sind an einer Familie mit zwei kleinen Mädchen vorbeigelaufen und diese zeigten ganz aufgeregt auf uns und riefen ihrer Mutter zu: ,,Peregrinos!! “ . Was übersetzt ,,Pilger“ bedeutet. Ich fand das so süß, wie sich sich freuten und ganz aufgeregt waren. Gleichzeitig war es ein eigenartiges Gefühl als ein Peregrino erkannt und so genannt zu werden (was ja eigentlich nicht zu übersehen war). Als wir endlich in der Altstadt von Burgos waren, mussten wir leider feststellen, dass alle Alberguen wegen Corona geschlossen hatten. Dass es in so einer großen Stadt der Fall sein würde, hätten wir nicht gedacht. Ich wollte einfach nur meine Sachen ablegen und duschen. Ich hatte keine Lust mehr durch die Gegend zu streifen und nach einer Unterkunft zu suchen. Zum Glück fanden wir aber relativ schnell ein Pilgerhotel, welches zwar etwas teurer war, aber wir immerhin was zum Schlafen hatten. An diesem Tag gönnten wir uns eine richtige Waschmaschine für unsere Wäsche. Darauf hatten wir auch schon seit Tagen gewartet. Endlich wieder ganz frische Wäsche, was für ein Glücksgefühl. Abends streiften wir dann noch durch die Gassen und die Plaza von Burgos und schauten uns die beeindruckende Kathedrale an. Es war Wochenende und die Stadt war mit Gelächter, Musik und den unterschiedlichsten Düften gefüllt. An diesem Abend hatte ich noch sehr schlimme Krämpfe in den Waden und im Oberschenkel bekommen. Das viele Laufen machte sich bemerkbar. Wie immer schliefen wir erschöpft früh ein und waren gespannt was der nächste Tag für uns bereithielt 🙂 . 

Die Kathedrale von Burgos

Schreibe einen Kommentar