Goodbye, Camino ♡

Wie ich schon öfter erwähnt habe sind für mich die Menschen die man beim Reisen trifft, das was eine Reise so einzigartig und unvergesslich machen. Denn sie geben einem oft ein Gefühl, welches man nicht so schnell vergisst. Sie berühren das Herz und bleiben einem in Erinnerung. Oft vergisst man nach Jahren welche Sehenswürdigkeit man angeschaut, was man an diesem bestimmten Tag zu Mittag gegessen oder was man sich für ein Souvenir gekauft hat. Man vergisst auch die flüchtigen Begegnungen mit Leuten, die keinerlei Bedeutung für einen hatten. Aber man vergisst nicht das Gefühl, welches man gespürt hat, wenn man einen lustigen Abend mit tollen Menschen in einer kleinen Gasse einer spanischen Stadt verbracht hat, einen Tag zusammen mit jemandem durch eine fremde Stadt geirrt ist, gemeinsam ein Problem gelöst oder sich ein portugiesisches Dessert geteilt hat. Irgendwann weiß man vielleicht auch nicht mehr die Namen der Menschen mit denen man all diese Sachen gemacht hat oder kann sich nicht an die Gesichter erinnern. Aber das Gefühl bleibt. Und das liebe ich so sehr. 

Und so startete ich meinen kleinen Roadtrip mit drei Männern, die ich kaum oder gar nicht kannte und nur 20 Stunden später spürte ich schon den Schmerz des Abschieds in meinem Herzen. So schnell geht das. Wir fuhren in Santiago gegen 14:30 Uhr los und unser Ziel war das Ende der Welt. Das sagt man, wenn man zum Kap Finisterre möchte, was übersetzt auch tatsächlich das Ende der Erde bedeutet. Viele Pilger setzen ihren Weg von Santiago noch fort und pilgern die ca. 80 Kilometer zur Atlantikküste weiter. Das war ja auch mein ursprünglicher Plan gewesen. Aber Pläne ändern sich oft (vor allem bei mir) und da mir nicht mehr nach Laufen war entschied ich mich auf anderem Wege dorthin zu gelangen. Wir fuhren bis zu dem bekannten Leuchtturm von Finisterre und genossen die wunderschönen Aussichten. Der unendliche Ozean lag vor uns und man hörte in regelmäßigem Abstand die Wellen an die Felsen krachen. Ab und zu kreischte eine vorbeifliegende Möwe und die Sonne blendete einen fröhlich zwischen den vorbeiziehenden Wolken. Es war ein perfekter Augenblick. Jeder von uns setzte sich auf einen Felsen und beobachtete die unendliche Weite, sagte nichts und lies die eigenen Gedanken kommen und gehen. Ich konnte immer noch nicht so recht begreifen, dass ich angekommen war. Wir machten einige Fotos und setzten uns noch in ein kleines Restaurant mit einem herrlichen Ausblick. Danach fuhren wir weiter Richtung Muxia, welches 30 Kilometer entfernt und bekannt für atemberaubende Sonnenuntergänge ist. Muxia liegt auch am Ozean und ist bei den Pilgern ebenfalls sehr beliebt. Muxia, Finisterre und Santiago bilden ein Dreieck auf der Karte und deshalb bietet es sich an diese Orte zu besuchen. Ich hatte ursprünglich überhaupt nicht geplant auch noch Muxia zu bereisen und überlegte echt, ob ich nicht in Finisterre bleiben und die Jungs ohne mich weiterfahren lassen sollte. Aber es herrschte eine so nette Stimmung und ich fühlte mich so wohl, dass ich mich dafür entschied mitzufahren. Und so fuhren wir nach Muxia, zu einem Ort von dem ich bis vor kurzem noch nichts wusste und an dem ich letztendlich die meiste Zeit verbringen sollte. 

Kap Finisterre
Das Ende der Erde 🙂
Die Jungs und ich

Wir kamen am frühen Abend in Muxia an und hatten etwas Zeitdruck, denn die Sonne sollte bald untergehen. Wir checkten schnell in einer Albergue ein, duschten und rannten los Richtung Ozean. Wir schafften es gerade noch so die Sonne hinter dem Horizont verschwinden zu sehen. Die Farben am Himmel blieben uns jedoch noch erhalten und wir saßen eine Weile auf den Felsen und schauten auf das wunderschöne Bild, welches sich vor uns erstreckte. Es war sehr frisch und langsam zeigten sich auch einige Sterne und der Mond. Das Orange des Sonnenuntergangs wurde immer dunkler und der Wind wehte mir meine noch nassen Haare ins Gesicht. Ich spürte nichts als unendlichen Frieden.  

Wir spazierten noch etwas durch die Dunkelheit und machten uns dann auf den Weg ins Hostel. Dort spielten wir noch Karten und quatschten bis in den späten Abend hinein. Da wir ein Zimmer mit vier Betten hatten, konnten wir entspannt reden und mussten auf keine anderen Leute acht geben. Das war alles so entspannt und ich merkte endlich wie ich langsam zur Ruhe kam und mir bewusst wurde, dass ich morgen nicht mehr weiterlaufen würde. Am nächsten Morgen wachte ich vor den anderen auf und ging auf die Dachterrasse des Hostels. Ich sah die Sonne aufgehen und beobachtete wie das süße Fischerdörfchen zum Leben erwachte. Als die Jungs wach waren gingen wir noch frühstücken und auch das Café in dem wir dann waren war so niedlich und die Bedienung so freundlich. Ich wollte hier gar nicht mehr weg. Ich überlegte was ich denn nun machen wollte. Ich hatte noch vier Tage bis mein Flug von Porto aus wieder nach Berlin ging. In zwei Tagen wollte ich in Santiago sein, denn meine alten Freunde Carlos, Chris und Co. würden auch endlich ankommen. Ich hatte aber keine Lust die nächsten drei Nächte in Santiago zu verbringen, sodass ich mich entschloss in Muxia zu bleiben und mir noch zwei weitere Sonnenuntergänge anzuschauen. So kam es also dazu, dass ich nach dem Frühstück Abschied von den Jungs nehmen musste, die wieder zurück nach Santiago fuhren. Auch wenn ich nicht mal 24 Stunden mit ihnen verbracht hatte, war ich echt traurig diese drei Menschen zu umarmen, mit dem Wissen sie höchstwahrscheinlich nie wieder sehen zu werden. Aber so ist das. Und daran war ich gewohnt. Sie fuhren weg und ich verlängerte meinen Aufenthalt im Hostel. Danach machte ich einen Mittagsschlaf, da ich immer noch merkte, dass ich angeschlagen war. Am Nachmittag ging ich dann noch spazieren. Obwohl ja seit Tagen Regen angesagt war, war immer noch wunderschönes Wetter, mit blauem Himmel, einigen weißen Wölkchen und einem frischen Wind. Das Wasser hatte eine leuchtend strahlende Farbe angenommen und ich war verliebt in die Natur und Umgebung dieses Ortes. Ich ging dann an diesem Tag etwas früher zur Küste, um bloß nichts von dem Sonnenuntergang zu verpassen. Dafür kletterte ich einen großen Felsen hoch und setzte mich an die höchste Stelle. Als die Sonne anfing unterzugehen, veränderten sich die Farben um mich herum im Sekundentakt. Ich wusste gar nicht wo ich hinschauen sollte. Alles war so wunderschön und ruhig. Ich schaute auf die Sonne und merkte wie für einen Moment keine Gedanken kamen. Ich saß einfach da und war im Hier und Jetzt. Und auf einmal dachte ich an die vergangenen zwei Jahre und die Sachen die ich erlebt hatte und wie ich mich gefühlt habe. Wie mein Leben sich innerhalb weniger Monate verändert hat und wie ich mich verändert habe. Und ich hatte das Gefühl das mit dem Untergang dieser Sonne sich ein großes Kapitel in meinem Leben schloss und ich Altes los- und untergehen lies. Mit dem Untergang dieser Sonne schaffte ich in mir Platz für Neues. Ich schloss die Augen und lächelte. 

der Sonnenuntergang
Muxia legt sich schlafen
Ausblick vom Felsen
Spaziergang durch Muxia
der kleine Hafen

Während ich da saß kamen noch einige andere Pilger vorbei, die auch den Sonnenuntergang genossen und wir quatschten ein bisschen. Ich schlug die Einladungen was Essen zu gehen aus, denn ich war müde und wollte schlafen gehen. Ich beschloss noch einen weiteren Tag in Muxia zu bleiben, also wusste ich, dass ich nicht früh aufstehen musste um einen Bus zu bekommen. Den weiteren Tag in Muxia verbrachte ich wieder mit spazieren, lesen und entspannen. Das Wetter war nicht mehr so schön und gegen Nachmittag fing es dann auch zu regnen an und es hörte auch nicht mehr auf. Also konnte ich leider keinen weiteren Sonnenuntergang mehr sehen. Aber ich genoss meinen ruhigen Abend im Hostel und ging früh schlafen, denn mein Bus nach Santiago ging schon um 6:45 Uhr am nächsten Morgen. Ich genoss die fast drei Stündige Busfahrt und schaute aus dem Fenster. Leider war es noch ziemlich lange sehr dunkel, sodass ich die Landschaft nicht sehen konnte. In Santiago angekommen ging ich in ein super schönes Café frühstücken und dann schlenderte ich durch Souvenirläden und kaufte Mitbringsel. Ich checkte in meinem Hostel ein, traf noch auf eine sehr interessante Schwedin, die das Bett neben mir hatte und wir unterhielten uns eine Weile. Sie erzählte mir, dass sie seit vier Jahren in einem Camper wohnen und im Sommer immer durch Europa reisen würde. Sie hat eine Wohnung auf Teneriffa, die sie an Touristen vermietet und so ihr Einkommen gesichert ist. Ich fand das so cool, da mich so eine eine Art zu leben sehr interessiert und ich auch ab und zu mit solchen Gedanken gespielt hatte in so eine Richtung zu gehen. Danach ging ich wieder in die Stadt und traf mich mit Carlos, der endlich angekommen war. Die anderen unserer alten Truppe sollten leider erst am nächsten Tag Santiago erreichen. Ich verbrachte einen entspannten Tag mit Carlos und wir tauschten uns über unsere Erlebnisse aus. Abends trafen wir dann noch seinen Cousin und zwei Freunde, die extra aus Porto gekommen waren um Carlos zu begrüßen. Sie waren wirklich sehr verrückt und lustig, sodass ich an diesem Abend sehr viel lachte. Am nächsten Morgen gingen Carlos und ich wieder in das süße Café, welches ich am Vortag entdeckt hatte, frühstücken und besprachen unseren weiteren Tagesablauf. Heute wollten wir nämlich nach Porto fahren, denn am nächsten Nachmittag ging mein Flug nach Berlin. Die anderen hatten uns versprochen gegen 13 Uhr anzukommen, sodass wir noch zusammen essen konnten. Nach Porto war es nicht weit, und wir hatten genug Zeit. Wir besichtigten noch die Kathedrale und gingen ins Museum, welches sich neben der Kathedrale befand. Es war nicht zu groß, sodass wir nach einer Stunde mit der Besichtigung durch waren und es auch nicht langweilig wurde. Das nenne ich einen perfekten Museumsbesuch. Dann kam endlich Chris und wir schlossen ihn in die Arme. Seit León hatte ich sie alle ja gar nicht mehr gesehen und es tat echt gut. Es fühlte sich an als würde ich alte Freunde wiedersehen. Später kamen noch Ruben und Loretto und wir machten ein Abschiedsfoto. Dann machten Carlos und ich uns auf den Weg nach Porto und verließen nach über einem Monat Spanien. Das war ein komisches Gefühl.  

Santiago
Die Kathedrale von Innen
Ruben, Chris, Loretto, ich und Carlos

Wir kamen am frühen Abend in Porto an und es war noch hell. Ich checkte in mein cooles Hostel ein, welches im alten Hauptbahnhof mit eingebaut war. Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass ich voll auf Hostels und Cafés abfahre und ich mich sehr dafür begeistern kann. Ich bekam eine Hosteltour von einem Mitarbeiter, der aus Kanada kam und dort den Sommer über arbeitete und freute mich über jedes Detail welches er mir erzählte. Danach traf ich mich mit Carlos und er gab mir eine Tour durch die Stadt, denn er kannte Porto schon etwas, da er hier öfter gewesen ist. Es war ziemlich leer auf den Straßen und Carlos teilte mir mit, dass es nicht immer so gewesen ist. Diesen Sommer hatte ich aber schon einige Städte gesehen, die ich sonst anders gekannt hatte. Auf der einen Seite war es etwas traurig an den verlassenen Bars vorbeizugehen und in die leeren Gassen zu blicken, die einst gefüllt waren mit Gelächter und jungen Menschen voller Vorfreude auf den Abend, aber auf der anderen Seite hatte man irgendwie das Gefühl die Stadt gehörte uns allein und das hatte auch etwas Schönes an sich. Wir trafen Carlos verrückten Cousin und seine Freunde zum Abendessen und es war wieder sehr unterhaltsam gewesen. Carlos bestellte portugiesische Spezialitäten für uns und um mich herum wurde viel portugiesisch gequatscht. Mir wurden auch viele Geschichten über Porto und Portugal erzählt und so bekam ich in nur kürzester Zeit einen guten Eindruck von der Kultur und den Menschen dieses Landes. Am nächsten Morgen trafen Carlos und ich uns noch ein letztes Mal zu unserer Lieblingsmahlzeit dem Frühstück und fuhren dann noch mit der Gondel (der Hauptattraktion) durch Porto. Er zeigte mir noch andere Ecken der Stadt und dann war es auch schon an der Zeit für mich zum Flughafen zu fahren. Und der wohlbekannte Abschied kam. Ich war sowieso schon überfordert mit meinen ganzen Gefühlen und Eindrücken, und es nahm einfach kein Ende. Als ich im Uber zum Flughafen saß, bemerkte ich wie unendlich müde und erschöpft ich war. Ich hatte das Gefühl ich wollte einfach nur meine Augen schließen und für einen Moment all die Gefühle abstellen, die sich in mir breit machten. Am Flughafen wurde ich dann noch etwas sentimental wie ich es immer werde, da ich dann viel an meinen alten Job und mein altes Leben zurückdenke. Ich setzte mich in ein Café und trank einen Kaffee. Und dann fing ich an zu realisieren, dass es vorbei war. Mein Abenteuer den Camino in Spanien zu laufen war vorbei. Und das was ich erlebt und erfahren hatte war so viel größer als ich es mir hätte jemals denken können, als ich mich entschied den Weg auf mich zu nehmen. Es war eine der besten Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Und was habe ich für mich mitgenommen? Was hat mich der Camino gelehrt? Viele Menschen witzeln immer darüber, dass sie die Erleuchtung erfahren möchten. Viele Menschen gehen mit dem Gedanken zum Camino etwas für sich zu klären, oder mit einem Kapitel in ihrem Leben abzuschließen, mit sich ins Reine zu kommen, etwas aufzuarbeiten, abzuschalten. Ich bin zum Camino gegangen ohne Erwartungen und wusste gar nicht so richtig was ich mir davon erhoffte. Ich wollte es auf mich zukommen lassen, ich war neugierig und wollte Zeit mit mir selbst und in der Natur verbringen. Aber nun nach dem Ende meines Caminos kann ich sagen, dass es für jeden Menschen eine ganz individuelle Erfahrung ist. Egal was man sich vorgenommen hat und in was für einem Stadium im Leben man losgelaufen ist. Es kommt oft anders als man denkt und jeder nimmt andere Sachen für sich mit. Ich habe einiges für mich mitnehmen können. Ich habe erfahren, dass ich in der Lage bin mich wieder auf Menschen einzulassen, mich fallen zu lassen, nicht alles kontrollieren zu müssen und mich anderen anzuvertrauen. Dass ich gar nicht mehr so viel alleine sein muss und dass es mir gut tut Zeit und schöne Momente mit anderen zu teilen. Ich habe mir bewiesen, dass ich stärker bin als ich es oft in letzter Zeit gedachte habe, sowohl körperlich als auch mental. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alles viel einfacher ist als man es oft denkt und, dass man sich Probleme künstlich projiziert und dann an diese Projektion glaubt und sich in ihr verliert. Ich habe gelernt auf den Camino zu hören, mich ihm hinzugeben und zu vertrauen, zu vertrauen, dass alles so kommen wird wie es kommen soll und dass ich einfach nur mit fließen muss, dass ich offen und bereit sein und auf die Zeichen achten soll. Mein Camino in Spanien ist vorbei, doch nur weil ich die 800 Kilometer fertig gelaufen bin, heißt das nicht, dass der Camino zu Ende ist. Er geht weiter und ich nehme mein gelerntes aus dieser wunderschönen und intensiven Zeit mit und bin bereit für neue Herausforderungen, die auf mich zu kommen. 

Jedem kann ich wärmstens empfehlen sich auf den Weg zu machen und den Camino de Santiago zu laufen. Es ist eine unfassbar tolle Erfahrung und ich bin mir sicher, dass es auch jeder schaffen kann. Das Schöne an diesem Weg ist, dass man nur ein bisschen Zeit mitbringen muss, den Rest kann man selbst so gestalten wie man es möchte.  

Porto
Abenddämmerung in Porto
Der Fluss Duero in Porto

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