Camino, bist du es ?

Vergänglichkeit… Ich weiß noch wie mich ein Freund vor ungefähr drei Jahren fragte was ich bei dem Wort empfinden würde. Ich sagte das was mir als erstes in den Sinn kam und es war ,,Traurigkeit“. Ich dachte oft darüber nach. Und nun einige Jahre später hat sich mein Gefühl dem gegenüber geändert. Nun würde ich es durch das Wort ,,bittersüß“ ersetzen. Vergänglichkeit muss ja nicht immer was trauriges sein. Es bedeutet ja auch das Platz für Neues geschaffen wird und so läuft das nun mal im Leben. Alles ist vergänglich, aber ob wir es als positiv oder negativ sehen, ist allein unsere Entscheidung. In einer Beziehung zwischen zwei Menschen bedeutet Vergänglichkeit ja nicht, dass die Liebe zwanghaft weggehen wird, sondern, dass diese sich wandelt. Sie kann abklingen, aber sie kann auch wachsen. Man wird niemals die selben Gefühle haben, die man zum Beispiel in der rosaroten Zeit am Anfang einer Liebesbeziehung hat. Und das kann man auf alles beziehen. Alles hält seine bestimmte Zeit an und geht dann vorbei und etwas Neues kommt. Und das ist wunderschön und aufregend. 

Mein Camino hatte noch etwas vor mit mir. Er wollte mir eine andere Seite zeigen und mich wohl testen, ob ich wirklich das Zeug hatte nach Santiago de Compostela zu kommen. Bis zu dem Zeitpunkt an dem ich zuletzt aufgehört hatte zu schreiben lief ja alles wie am Schnürchen. Ich flog gefühlt und lies die 500 Km hinter mir. Mit Spaß, mit Freude und mit einer gewissen Leichtigkeit. Na klar, es war auch mal hart gewesen, aber ich hätte keinem erzählt, dass der Jakobsweg unglaublich anstrengend sei, wenn man einigermaßen trainiert ist.

Nach meinen beiden langen Tagen lief ich wieder im Dunkeln los bzw. ich humpelte los. Ich hatte zwei sehr schmerzende Blasen und auch meine Waden taten sehr weh. Ich wusste nicht genau wie lange ich heute laufen würde. Ich ließ mir aber viel Zeit, denn unterwegs gabs einiges zu sehen. Zuerst machte ich eine Frühstückspause in einem kleinen Dörfchen, welches ganz süß aussah, ich aber erstmal einen Hügel hochlaufen musste, um dort anzukommen. In einer kleinen Bar aß ich dann den besten Bocadillo mit Ei und Käse, den ich bis jetzt in Spanien gehabt habe. Ich machte eine längere Pause und genoss den Morgen.

 

Seit León fing die Landschaft an sich allmählich zu verändern. Vor allem am heutigen Tag war das nun sehr deutlich zu erkennen. Es war wieder sehr viel Grün zu sehen und der Weg wurde wieder sehr hügelig. Morgens begleitete einen noch lange ein Nebel und die Luft war sehr feucht. Auf meinem heutigen Weg erwartete mich der ,,Cruz de Ferro“. Es ist ein auf einem Baumstamm montiertes kleines Eisenkreuz. Er markiert mit seinen 1500 Metern über dem Meeresspiegel den höchsten Punkt des Camino Francés, welchen ich laufe. Das Kreuz ist von einem Steinhaufen umgeben, welcher von Pilgern über Jahrzehnte immer weiter vergrößert wurde. Es ist ein Brauch einen mitgebrachten Stein von zu Hause unter dem Cruz de Ferro abzulegen. Ich hatte keinen dabei, aber suchte mir einen in der Nähe der mir gefiel und legte ihn zu den anderen dazu. 

Mein Vater und meine Schwester sind den Jakobsweg schon in den Jahren 2012 und 2014 gelaufen und sie haben mir erzählt, dass neben dem Kreuz eine kleine Kapelle mit Steinbänken sei, wo Pilger ihre Namen eingravierten. Auch sie hätten sich verewigt und ich sollte meinen Namen zu ihren dazu eingravieren. Mein Vater schickte mir ein Foto mit einem gemalten Pfeil wo ich ungefähr ihre Gravur finden sollte, denn es hatten ziemlich viele Pilger ihre Namen dort stehen lassen. Also fing ich an zu suchen und fand ihre Namen erstaunlich schnell! Ich freute mich so sehr. Ihre Namen mit den Daten zu lesen und zu spüren, dass auch sie hier an diesem Ort vor so vielen Jahren gewesen sind erfüllte mich mit so viel Freude. Es war ein komisches Gefühl. Auf einmal fühlte ich mich ihnen so verbunden. Ich hatte leider kein Messer dabei, deswegen versuchte ich meinen Namen mit Steinen einzuritzen, aber es klappte leider nicht so gut. Auf dem Foto sehr ihr ihre fein eingravierten Namen und meinen kläglichen Versuch. Haha!

Aga & Gaga (oben rechts: Sarah?)

Da ich heute etwas rumtrödelte und mir Chris etwas von einem Hostel mit Pool erzählte wo alle Pilger halt machen würden (welches sich in meiner Nähe befand), machte ich nach knapp 20 Km Schluss und beschloss meinen Füßen etwas Ruhe zu geben. Ich nutzte den Pool nicht, denn ich war immer noch etwas verbrannt und hatte genug von der Sonne. Ich genoss den wunderschönen Ausblick auf die Berge und entspannte, indem ich las und am Blog schrieb. Ich traf auf meine alten Freunde aus Italien/Schweiz, die ich damals in Granon bei dem großen Essen kennengelernt hatte und auch ein Ungare, der deutsch sprach und wir uns auf dem Weg einige Male gesehen hatten war dort. Wir aßen alle zusammen zu Abend und dann ging ich früh schlafen. 

Der Weg ändert sich
der Ausblick

Bei Sonnenaufgang gings dann für mich weiter und meinen Füßen ging es etwas besser. Die nächsten beiden Tage sah ich wunderschöne Landschaften, viele schöne Städtchen und verbrachte meine Abende mit den Italienern/Schweizern und dem Ungaren. Wir übernachteten durch Zufall immer in den gleichen Orten. Der Camino fühlte sich nach den paar Tagen seit León schon so anders an. Die Landschaft war anders, meine Abende verliefen anders, die Menschen, die ich traf waren anders. Alles war irgendwie anders. Aber auch schön. Ich hatte definitiv viel mehr Zeit für mich und meine Gedanken. 

kleine Botschaften auf dem Weg 🙂
eine Churros Pause :p

Eines Nachmittags, nach mehr als 30 Km, machte ich in einem Dörfchen namens ,,Las Hererias“ halt und fand dort eine offene Albergue. Der Tag hatte es in sich gehabt, denn die Landschaft war mittlerweile alles andere als flach. Am heutigen Tage hatte ich auch zwischen zwei Routen wählen können. Eine war etwas kürzer und lief an einer Straße entlang und die andere lief über Berge und war länger. Natürlich entschied ich mich für die längere und wohl schönere Route. Es ging wirklich sehr steil hoch und ich war ständig außer Puste. Aber es hat sich sowas von gelohnt. Die Ausblicke waren wunderschön und es war für mich einer der schönsten Wege des Jakobsweges gewesen. Ich war zwei Stunden komplett alleine gewesen und um mich rum nur Berge und Wälder. Nach einiger Zeit kam ein kleines, verschlafenes Dorf durch welches ich lief und keine Menschenseele traf. Der Abstieg war auch sehr schön und der Weg machte Spaß. Deshalb kam ich in Las Hererias sehr müde an und war froh, dass es dort eine Albergue gab. Und der Ort war so friedlich und wunderschön. Er bestand aus einigen Häuschen und ganz vielen Kühen. Die Albergue hatte einen kleinen Garten und ich verbrachte dort meine Zeit bis ich mich auf den Weg machte was zu Essen zu suchen. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Es sollte mein letzter „schöner“ Nachmittag werden. Wieso, werdet ihr gleich erfahren. Ich fand leider nichts, was Essen um 18 Uhr servierte also bestellte ich einen Bocadillo (immerhin was zu essen!) und einen Käsekuchen, welcher zieeemlich lecker war. Ich war richtig glücklich. Der Ort gefiel mir sehr und ich fühlte mich wohl. 

Der Weg über den Berg
Kühe in Las Hererias
der leckere Käsekuchen
Abenddämmerung in Las Hererias

Am nächsten Tag brach ich wieder früh auf. Es ging zunächst durch neblige und dunkle Wälder. Es war schon etwas gruselig, aber irgendwie auch romantisch. Ich passierte zwei verschlafene Dörfer und der Weg ging nur Berg auf. Alles war irgendwie mystisch und ich fühlte mich wie Gretel im Wald. Keine Menschenseele war zu sehen. Ab und zu sah ich eine Katze vorbeihuschen. Ich kam Galicien immer näher, welches eine autonome Gemeinschaft im Nordwesten Spaniens ist und bekannt für seine fruchtbare und grüne Landschaft. Schon bald bekam ich die Information, dass ich mich nun in Galicien befand, meiner letzten Etappe des Jakobswegs. Mir gefiel die Natur hier sehr und sie war komplett das Gegenteil zu der dürren Meseta und den Landschaften Riojas und Navarras.

Nach ungefähr zwei Stunden kam ich in ein etwas größeres Dorf und konnte dort frühstücken. Dort fand ich auch meine deutschsprachigen Freunde wieder. Wir besichtigten die typischen Häuser der Region und machten uns weiter auf den Weg. Und der war mühsam. Es ging Berg rauf, Berg runter, Berg rauf und wieder Berg runter und so über 17 Kilometer, die insgesamt 5 Stunden Zeit in Anspruch nahmen. In der Meseta hätte ich dafür um die drei Sunden gebraucht. Als wir den letzten steilen Berg erklommen, waren wir alle ziemlich fertig. Ich wusste nicht, ob es nur mir so erging, aber für mich fühlte sich der Weg heute fast schlimmer als der erste Tag in den Pyrenäen an. Dann gings natürlich wieder ordentlich runter. Nach 30 Kilometern gelangten wir dann zu einem Ort, wo wir schlafen konnten. Ich war fix und fertig. Ich machte mich schnell fertig und ging was zu Essen suchen. Ich fand ein Restaurant, welches auch um diese Uhrzeit schon Pilgermenüs anbot und sie hatten sogar eine Auswahl für Vegetarier. Als ich so mein Pilgermenü aß beobachtete ich eine Gruppe von ganz vielen jungen Männern (Pilgern), die in der Nähe von mir saßen. Auf einmal drehte sich einer von ihnen zu mir um, stand auf und kam auf mich zu. Und ich sah ein bekanntes Gesicht! Es war Micha, der deutsche Mann, der mich vor über drei Wochen aus Pamplona nach Puente la Reina begleitet hatte. Ich habe ihn in meinem Beitrag als „negativ eingestellten Menschen“ beschrieben. Ich hatte ab und zu an ihn gedacht und mich gefragt, ob er abgebrochen hat, wie er es prophezeit hatte oder er noch unterwegs war. Und hier war er! Und ich erkannte ihn kaum wieder. Von seiner Negativität war nichts mehr da. Er strahlte übers ganze Gesicht und erzählte mir von seinen Erlebnissen. Ich hörte grinsend zu. Er erzählte, er hätte diese Gruppe von Spaniern kennengelernt, die sich auch erst alle auf dem Weg kennengelernt haben und dass sie seit ca. zwei Wochen gemeinsam laufen. Es waren wohl noch mehr dabei und ein Pärchen aus England. Diese und ein Spanier, welcher ihm sehr ans Herz gewachsen war, mussten gestern spontan und vorzeitig den Weg abbrechen, um aus persönlichen Gründen zurück nach Hause zu fliegen. Den Micha nahm es sichtlich mit, dass seine Freunde gegangen sind und ich dachte er würde gleich anfangen zu weinen. Stolz erzählte er mir wie er und ein anderer Spanier für den einen, der abbrechen musste jeweils einen Schuh zum Kap Finisterre (was bei den Römern als das Ende der bekannten Welt gegolten hat und viele Pilger dort weiterlaufen) tragen würden. Mich rührte es sehr wie der Jakobsweg diesen Menschen verändert hatte. Ich war mir sicher ich würde ihn noch mal wiedersehen. Ich ging zurück in die Albergue und gönnte mir einen neunstündigen Schlaf. Und was mich erstaunte war, dass ich durchschlief.

Die Häuser, welche man besichtigen konnte
Die Italiener/Schweizer, der Ungare und ich

Am nächsten Morgen wachte ich mit Schmerzen auf. Mit Schmerzen im ganzen Körper. Kurz dachte ich darüber nach was gestern anders gewesen ist als sonst. Und mir vielen die ganzen Hügel wieder ein. Komisch, hatte ich Muskelkater im ganzen Körper? Ich schleppte mich ins Bad, immer noch erschöpft nach dem langen Schlaf. Ich fühlte mich nicht gut. Aber ich machte mich bereit zum loslaufen und es ging dann auch los. Ich machte noch kurz halt um mich mit einem frisch gepresstem Orangensaft und einem trockenen Gebäck zu stärken. Heute konnte ich wieder entscheiden, ob ich eine längerer oder kürzere Route nehmen würde. Mein Ziel war so oder so eine etwas größere Stadt namens ,,Sarria“ und die kurze Route wäre 17 Km gewesen und die längere 25 Km. Also schon ein Unterschied. Aber ich dachte mir, was soll ich da so früh machen, laufe ich einfach die längere Strecke. Nach zwei Kilometern bereute ich das aber schon, denn ich fing an eine böse Vorahnung zu haben. Ich hatte das Gefühl, dass meine Schmerzen im Körper gar kein Muskelkater waren, sondern Gliederschmerzen, die man ja immer hat, bevor man Fieber bekommt oder krank wird. Ich jedenfalls. Ich kenne meinen Körper und seine Wehwehchen ziemlich gut mittlerweile und wusste, dass sollten das wirklich Gliederschmerzen sein, mir ungefähr vier Stunden Zeit blieben bevor mein Fieber ausbrechen würde und ich kaum noch laufen könnte. Ich hoffte einfach, dass es nur ein Erschöpfungszustand war und dass ich nicht krank werden würde. Nach 10 Kilometern machte ich halt und wollte etwas richtiges Essen, damit ich mehr Kraft hatte. Ich bestellte einen Bocadillo mit Ei, welchen ich normalerweise verschlungen hätte, denn er sah echt gut aus. Aber ich hatte kaum Appetit und ich knabberte etwas an dem Bocadillo rum und trank meinen Tee. Mir war nämlich auch fürchterlich kalt. Ich ahnte schlimmes und überlegte sogar in diesem Ort zu bleiben, welcher aber komplett abgelegen und klein war. Ich weiß nicht mal, ob es dort eine Apotheke gab. Ich wollte, sollte ich krank werden, wenigstens die Möglichkeit haben in eine Apotheke gehen zu können und ich wusste auch, dass viele der Leute die ich kannte in Sarria sein würden. Das ist auch immer gut. Jemanden zu kennen, wenn es einem schlecht geht. Also raffte ich mich zusammen und lief die 15 Km weiter. Mit jeden Kilometer fühlte ich mich schlechter. Ich musste öfter einfach auf der Straße halt machen und mich setzen. Ich konnte kaum noch meinen Backpack tragen. Mein Rücken tat höllisch weh und ich hatte keine Kraft mehr. Die Sonne schien erbarmungslos auf mich hinab. Ich kann mich auch kaum an die Landschaft von dem Tag erinnern, denn ich konzentrierte mich nur anzukommen. Den letzten Kilometer ging es dann noch auf dem heißen Asphalt nach Sarria rein und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich betete, dass sofort am Ortseingang eine Albergue auf mich warten würde. Und ich hatte wirklich so ein Glück, denn da war direkt eine. Ich checkte ein und der Mann fragte mich ob es mir gut gehen würde. Ich antwortete immer nur mit ,,ja aber ich bin sehr müde“. Mich fragten nämlich mehrere Leute an dem Tag, obwohl ich versuchte es mir nicht ansehen zu lassen, da ich Angst hatte die Leute würden denken ich hätte Corona. Und naja ich wusste auch gar nicht was ich hatte. Ich wurde in einem kleinen Zimmer untergebracht, wo nur noch eine etwas ältere und korpulente Frau war. Ich freute mich, denn auf Menschenmassen hatte ich gerade verständlicherweise keine Lust. Ich schaffte es schnell zu duschen, sogar noch meine Wäsche zu machen und legte mich sofort ins Bett. Ich bekam Fieber und verbrachte die nächsten sechs Stunden mit Fieberträumen, Kopfschmerzen und vor mich hin Leiden. Spät am Abend ging das Fieber etwas weg und ich konnte etwas klarer denken. Ich fing an nachzudenken was es sein könnte. Vielleicht wirklich Erschöpfung? Oder ein Sonnenstich? Sowas hatte ich nämlich schon öfter mal gehabt. Und da ich nun auch schreckliche Bauchkrämpfe bekam, erinnerte es mich an den Zustand als ich mich mal in Dubai verbrannt hatte. Ich schlief wieder ein und gegen 23 Uhr wachte ich von einem schrecklich lauten Geräusch auf. Ich schlafe ja immer mit Ohrstöpseln und ich war verwirrt was mich geweckt hatte. Ich schaute rüber zum anderen Bett und sah die Frau schlafen. Und sie schlief nicht nur, sondern schnarchte sich gleichzeitig die Seele aus dem Leib. Und eigentlich ist schnarchen kein Wort mehr dafür was sie gemacht hat. Es war so unglaublich laut und ohne Pause. Und damit es nicht langweilig wurde, verschluckte sie sich alle fünf Minuten und hustete im Schlaf so heftig, sodass ich manchmal dachte ich müsste gleich Erste Hilfe anwenden, weil sie keine Luft mehr bekommt. Und so vergingen die Stunden. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Ich fühlte mich elendig und wurde durch die lauten Geräusche auch zunehmend aggressiver. Gegen vier Uhr morgens schaffte ich es noch mal kurz einzuschlafen. Eigentlich wollte ich noch eine Nacht in dem Hostel bleiben, denn von weiterlaufen war bei mir keine Rede. Aber ich erfuhr von der Frau, dass auch sie noch eine Nacht bleiben würde und ich packte ohne darüber auch nur nachzudenken meine Sachen und torkelte in den nebligen und kalten Morgen hinaus. Ich wusste nicht so recht wohin mit mir. Es fing an zu nieseln und in die meisten Alberguen konnte man erst frühestens gegen 12 Uhr einchecken. Ich setzte mich in ein Café und versuchte etwas zu Essen, denn am gestrigen Tage hatte ich ja kaum was zu mir genommen. Ich beschloss ein Dorf weiterzulaufen, denn meine Schweizer Freunde hatten mir geschrieben, dass es dort eine schöne Albergue geben würde. Es waren 3,5  Kilometer. Das sollte ich schaffen. Ich erreichte die Albergue und der Besitzer war auch super nett. Die Albergue war echt schön und sie hatten sogar ein Restaurant und ein Souvenirshop vor Ort. Ich bekam mein Bett und legte mich sofort schlafen. Irgendwann kamen noch drei Spanier in mein Zimmer, die mich etwas besorgt anschauten. Am Nachmittag schaffte ich es mir die Beine im Dorf zu vertreten und es war echt ein sehr schöner Ort. Mein Fieber war nun weg und nur noch meine Magenschmerzen und meine Übelkeit waren da. Aber die Übelkeit und die Magenschmerzen waren so schlimm, dass ich für die restliche Woche kaum was essen konnte. 

Am nächsten Morgen ging es mir schon deutlich besser als den Morgen zuvor, denn das Fieber war wie gesagt weg. Ich hatte also etwas Kraft zu laufen. Ich schaffte es ein trockenes Toast zu essen, was mich über den Tag bringen sollte. Mein Ziel war heute ,,Portomarin“ und es war 18 Km entfernt. Auch von dieser Strecke ist mir nicht nicht viel in Erinnerung geblieben, da ich mich nur darauf konzentrierte anzukommen und es irgendwie zu schaffen. Das Laufen machte keinen Spaß. Es zehrte so sehr an meinen Kräften und ich war ständig außer Atem. Ich fühlte mich so schwach und erschöpft. Aber an diesem Tag erreichte ich den Stein, der mir zeigte, dass es nur noch 100 Kilometer bis ans Ziel waren. Vor einer Woche war ich noch richtig traurig als die Zahl immer weiter runter ging. Nun konnte ich es wirklich kaum abwarten. Irgendwann kam ich heil in Portomarin an und checkte in einer modernen Albergue ein. Ich schlief wieder fast den ganzen Nachmittag und ruhte mich aus. Die Übelkeit hielt an und ich bekam auch noch Magen-Darm Probleme. Na toll… weniger als 100 Kilometer und ich mache schlapp. Es macht generell kein Spaß krank zu sein. Aber krank zu sein, etliche Kilometer am Tag zu laufen und dann noch in einem vollen Schlafsaal mit anderen Menschen zu schlafen, machte wirklich alles nur noch schlimmer. Ich hoffte einfach auf eine baldige Genesung und verschwendete nicht zu viel Zeit mit Selbstmitleid, sondern konzentrierte mich aufs gesund werden. 

Kaum zu glauben, dass ich noch vor etwas mehr als einer Woche mit Aaron tanzend und singend durch die Meseta gepilgert bin, die Abende in großer Gesellschaft verbracht und mein Pilgerdasein zu 100% genossen habe. Und nun? Ich schleppte mich leidend im Nieselregen und Nebel von Ort zu Ort und versuchte wenigstens ein paar Kilometer am Tag zu schaffen und nicht groß aufzufallen. Ich erwischte auch ziemlich viele schnarchende Menschen in den letzten Tagen. So schnell kann sich alles ändern. Aber auch hier wusste ich, dass das vergehen würde. 

das Dorf, in dem ich mich ausruhte
100 Kilometer bis Santiago de Compostela
Portomarin

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