Die verrückte Messe

Die verrückte Messe

Mit der Zeit ist bei uns eine Liste an Sachen im Kopf entstanden, die wir noch unbedingt als Pilger auf dem Jakobsweg machen wollten. Dazu gehörten Sachen wie zum Beispiel unter dem Sternenhimmel zu schlafen (ich glaubte jedoch immer weniger daran, weil es schrecklich kalt war nachts und wir kein passendes Equipment hatten), in einer kirchlichen Unterkunft für Pilger zu übernachten und einen Gottesdienst in einer der vielen niedlichen Kirchen zu besuchen. Einer dieser Wünsche sollte an diesem Tag in Erfüllung gehen, aber ganz anders als wir es uns vorgestellt hatten. 

Der Weg aus der großen Stadt Burgos war wie immer etwas verwirrend. Es ist nicht ganz so einfach den Jakobswegpfeilen aus der Stadt zu folgen. Es war aber ein angenehmer Weg und wir machten auch schon nach 20 Kilometern Schluss.

auf dem Weg

Wir befanden und in einem Ort mit dem Namen ,,Hornillos del Camino“. Es war ein kleiner Ort, durch den nur eine Straße lief, mit ein paar Häusern an der Seite und einem kleinen Plätzchen mit einer Kirche. Das Wetter war wie immer super und unsere Albergue hatte einen schönen Garten mit einem grünen Rasen und Liegen zum Sonnen. Da es erst 14 Uhr war nutzten wir diese Gelegenheit und entspannten im Garten indem wir lasen, uns sonnten und Handstand übten. Ich will nämlich schon seit dem ich denken kann einen Handstand können. Doch das ist eine dieser Sachen, die man gerne machen will, man weiß es bräuchte nur paar Minuten Übung pro Tag, aber man macht es nie. Doch heute war der Tag und ich machte es einfach. Und nach nicht allzu langer Zeit gelang es immer besser. Seitdem übe ich immer mal wieder, wenn ich einen schönen Rasen finde. Wir gingen dann noch ein bisschen „Sightseeing“ machen und fanden nicht viel außer der Information, dass es um 18 Uhr in der kleinen Kirche eine Messe für Pilger geben würde. Diese Gelegenheit wollten wir direkt beim Schopf packen. Wir legten uns noch für eine halbe Stunde ins Zimmer und lernten noch eine sehr junge Dänin kennen, die sich mit uns das Zimmer teilte. Endlich mal wieder ein Pilger und ein neues Gesicht. Wir fragten sie, ob sie mit uns zur Messe mitkommen wolle und sie war interessiert. So gingen wir zu dritt in die Kirche und fanden dort noch zwei weitere Pilger aus Spanien. Wir setzten uns in die letzte Reihe und warteten gespannt. Vorne stand schon ein Mann mit einem Pullover und Handy und wir waren uns nicht sicher, ob es sich hier um den Priester handelte. Er ging kurz in ein Seitenzimmer und kam weniger Augenblicke später umgezogen in seinem Gewand hinaus. Er stellte sich vor uns und zeigte, dass wir uns in die ersten Reihen setzen sollten. Schon jetzt bekam ich ein Gefühl wie ich es früher immer in der Schule hatte. Er fragte jeden einzelnen woher er komme und nach dem Namen. Er sprach nur spanisch, deswegen konnten die Dänin und ich immer nur erahnen was er fragte oder wir machten den anderen nach. Da Aaron auch spanisch spricht übersetzte er öfter mal was für uns. Der Priester schien ziemlich witzig zu sein und ich musste öfter mal über die Art wie er mit uns sprach lachen. Ich bemerkte, dass die Dänin aber öfter mal rot anlief und sie sich etwas gestresst fühlte. Der Gottesdienst lief dann so ab, dass der Priester den beiden Spaniern befahl ihre Handys rauszuholen und etwas zu googeln. Aaron tat so als wenn er es nicht verstehen würde und war fein raus. Der Priester lies die Spanier die ganze Zeit was vorlesen und ab und zu machte er weiter, schaute dann wieder mit seinem strengen Blick zu den beiden und wartete bis sie wieder weiter machten. Ich amüsierte mich prächtig und war das erste Mal froh, dass ich meine Maske trug, sodass man mein grinsen nicht sehen konnte. Die Stimmung schien auf der einen Seite irgendwie ein bisschen angespannt, da es ein Gottesdienst war und wir alle Respekt zeigen wollten, aber auf der anderen Seite auch super entspannt, da der Priester so lustig war. Nachdem der Priester die Spanier fertig gequält hatte bat er uns alle sich nach vorne in eine Reihe zu stellen. Ich wollte gar nicht wissen was jetzt kommen sollte. Er versuchte wieder mit jedem von uns zu kommunizieren und fing dann an Zettel auszuteilen. Dort war ein Kirchenlied auf französisch aufgedruckt. Der Priester sang vor und wir sollten nachsingen. Außer Aaron konnte glaub ich keiner von uns französisch lesen. Ich amüsierte mich weiterhin. Dann bat der Priester jeden von uns was vorzusingen und fragte, ob wir irgendwelche Kirchenlieder auf unserer Sprache kannten. Wir sahen uns alle ratlos an. Er sagte etwas zu Aaron und dieser sagte dann zu mir: ,, Er möchte, dass wir ,,Stille Nacht“ auf deutsch singen“. Also sangen wir… und es hörte sich nicht gut an. Mir fiel erst beim Singe auf wie hoch man dieses Lied singen musste. Aaron wechselte neben mir zwischen tief und hoch und konnte sich glaube ich nicht entscheiden und mir fehlte auch irgendwann der Text. Aaron dachte sich irgendwelche Strophen aus und ich versuchte mit zu trällern. Die Spanier summten die Melodie mit um uns zu helfen, was ich richtig süß fand. Aaron und ich schauten uns verzweifelt an und ich denke, dass die selben Gedanken durch unsere Köpfe schossen: ,,Was zur Hölle machen wir hier und lass uns bloß nicht laut loslachen! “ Der Priester schien ziemlich zufrieden, dass ihm ein paar kleine ahnungslose Pilgerchen in die Kirche gelaufen sind, die er etwas quälen konnte. Doch auf einmal spürte ich etwas schweres von der Seite auf mich fallen und wenige Augenblicke später sah ich die Dänin neben mir auf dem Boden liegen. Sie ist ohnmächtig geworden. Wir alle reagierten sehr schnell und schon nach wenigen Sekunden fand sie wieder zu Bewusstsein. Alle standen etwas unter Schock. Doch somit war die Folter beendet. Wir nahmen die Dänin zurück in die Albergue und stellten sicher, dass sie was trank und es ihr gut ging. Um 7 gab es dann endlich Essen und wir unterhielten uns über diesen sehr verrückten Nachmittag, den wir eben erlebt hatten. Wir bekamen eine selbst gekochte vegetarische Paella, die sehr lecker war. Übrigens stießen wir dann an dem Abend auch noch auf die Zusage für meinen neuen Job an, die ich am dem Tag bekommen hatte 🙂 . 

Die Dänin und Aaron beim Abendessen

Am nächsten Tag nahmen wir uns wieder eine längere Strecke von über 30 Kilometern vor und wir liefen durch einige schöne Dörfchen und Städtchen. Aber zuerst begrüßte uns noch ein wunderschöner Sonnenaufgang, den wir uns in aller Ruhe auf einem Strohballen anschauten. Es war wieder einer dieser Tage, wo wir nichts zu Essen fanden. Zum Glück hatten wir noch Reste von Nüssen, Datteln und ein bisschen Gebäck, was wir dann zwischendurch aßen. Ein großer Hügel erwartete uns heute von dem wir eine super Aussicht hatten. Aaron war super fit und ich schleppte mich heute mal hinter ihm her. Oft liegt es an diesem unregelmäßigem Essen. Ich bin nun über 3 Wochen in Spanien und ich komme immer noch nicht zurecht mit den Siestas und späten Abendessen. Eigentlich haben Aaron und ich schon raus wie und wann wir essen sollen, um ein Stundenlanges hungern zu verhindern. Aber manchmal hat dann ein Dorf komplett zu, es gibt keinen Supermarkt oder wir kommen zu einer Zeit an wo die ganze Stadt Siesta macht und alles wie ausgestorben ist, so wie heute. Vielleicht werde ich es ja bis zum Ende des Jakobsweges hinbekommen, obwohl es eh schon besser geworden ist. 

der Sonnenaufgang auf dem Heuballen
glücklich auf dem Hügel

Unser Ziel war dann das Dorf ,,Itero de la vega“. Wir liefen müde und auch sehr skeptisch in das Dorf, denn der Eingang sah noch hässlicher aus als sonst. Und es wurde auch leider echt nicht schöner. Die Häuser sahen alle aus wie Garagen und es gab absolut nichts niedliches in diesem Ort. Hinzu kam noch das alle Alberguen geschlossen hatten und wir dann in eine Art Hotel gehen mussten. Überall im Zimmer waren Spinnenweben und es sah aus als wären die Zimmer eine Weile nicht genutzt worden. Wir gingen dann abends runter zum Essen und bekamen ein Pilgermenü. Und ich fand doch noch was süßes an diesem Ort. Und zwar war es der alte Opi, dem das Hotel gehörte (denke ich) und der uns so liebevoll bewirtete. Nach dem Essen spazierten wir noch aus dem Ort raus (was nicht weit war) und genossen die untergehende Sonne über einem Feld und das Rauschen des Windes in den Bäumen. Und so endete wieder ein erneuter Tag auf dieser unglaublich spannenden und magischen Reise. 

Ein neuer Tag, ein neuer Sonnenaufgang gepaart mit dem Mond. Solch schöne Aussichten und Farben begrüßen mich täglich.  

Es war wieder sehr kalt und wir wollten heute wieder über 30 Kilometer laufen. Wir liefen schon seit einigen Tagen durch die „Meseta“, die wüstenartige Region, die bei den Pilgern als unbeliebtester Abschnitt des Jakobswegs bekannt ist. Hier charakterisiert sich der Weg durch lange, heiße Wege ohne sich groß ändernde Landschaft. Weite Felder, Dürre und Stille. Oft läuft man auch neben einer Straße oder auf der „Pilgerautobahn“ die auch so etwas wie eine Straße ist nur ohne Autos. Ich höre sogar oft von Pilgern, dass sie diese Strecke überspringen und einen Bus nehmen. Doch genau das ist ja das Schöne und Herausfordernde am Jakobsweg. Alle Facetten mitzubekommen, egal ob sie langweilig und anstrengend oder schön und abwechslungsreich sind. Heute sollten wir das erste mal so richtig das Gefühl der Meseta bekommen und zwar im letzten Stück unserer heutigen Etappe. Die letzten 10 Kilometer gingen nämlich nur geradeaus neben einer Schnellstraße und weit und breit gab es nichts zu sehen außer die weiten ausgetrockneten Felder. Doch uns störte das nicht. Wir hatten Spaß wie immer, doch wie so oft waren die letzten 5 Kilometer nicht leicht. 

der erste Teil des Weges
typisches Bild der Meseta

 An diesem Tag sollten wir auch einen weiteren Punkt auf unserer Liste streichen können. Wir gingen in die kirchliche Unterkunft, die sich in einem alten Kloster befand. Ich war ganz aufgeregt. An diesem Abend war ich wie immer sehr müde und bekam noch schlimme Migräne, sodass ich mir nicht viel von der Stadt angucken konnte, die ganz niedlich zu sein schien. Da es in dieser kirchlichen Unterkunft eine Küche gab und wir wieder am verhungern waren, beschlossen wir mal zu kochen. Das war auch noch mal ein anderes Gefühl und wir hatten von den Pilgermenüs auch ehrlich gesagt langsam genug. Wir waren zusammen in der Küche mit ein paar Pilgern aus Frankreich und freuten uns über unser selbst gekochtes Essen. um 22 Uhr war Bettruhe und die Lichter wurden ausgemacht. Um 7 Uhr morgens wurde man dann durch Klopfen und Tür aufreißen geweckt. Ich war zwar nie in einem katholischen Internat, aber genau so stellte ich es mir immer vor. 

Das Kloster von Außen
Der Innenhof

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