Des Pilgers Alltag

Des Pilgers Alltag

Da ich einige Zeit nicht zum Schreiben gekommen bin, werde ich nun versuchen in mehreren Beiträgen das Erlebte zusammenzufassen.

Es sind 19 Tage vergangen seitdem ich das erste Mal meinen Rucksack aufgeschnallt habe und in der Morgendämmerung in Saint-Jean-Pied-de-Port losgelaufen bin. Ich glaube das was ich alles erlebt habe und die Gefühle die ich dabei hatte, kann man gar nicht richtig in Worte fassen. Dennoch möchte ich es versuchen und euch einen Einblick in meinen Pilgeralltag geben. 

In Puente la Reina habe ich einen Pausetag eingelegt, um vor allem etwas am Blog zu arbeiten, mich von den beiden Horrorwandertagen zu erholen und um auf meinen Gefährten Aaron zu warten, der in Pamplona Pause gemacht hat. 

Ich genoss den freien Tag und da ich Puente la Reina sehr in mein Herz geschlossen habe, war das der perfekte Ort, um nicht sofort weiter zu laufen.

Als es nach dem Erholungstag dann wieder früh am Morgen losging, erwartete uns direkt zur Begrüßung eine wunderschöne Überraschung. Die Sonne ging über dem Städtchen auf und mal wieder sah die Welt so friedlich und wunderschön aus.

Brücke in Puente la Reina
Sonnenaufgang über Puente la Reina

Wir haben uns an dem Tag eine Etappe von etwas über 20 km vorgenommen, was relativ entspannt ist. Es war jedoch sehr heiß und deswegen war das Laufen, als die Sonne über uns stand, sehr kräftezerrend. Unser Ziel war eine kleine Stadt namens ,,Estella“. Auf dem Weg dorthin ging es meist einen Weg mit kleinen Steinchen entlang und alle paar Kilometer ging man durch kleine Dörfchen, in denen man auch Pilgerherbergen fand. Ich nenne sie die Jakobswegdörfchen , denn sie sind größtenteils des Jakobswegs wegen dort entstanden. 

Man sieht oft schon ein Dorf in weiter Ferne auftauchen und dadurch weiß man, dass es dort eine Fuente (einen Brunnen) zum Wasserflasche auffüllen geben wird, und eventuell auch was zu Essen und zum Ausruhen. Je nach Tageszeit und den hinter sich gebrachten Kilometern, bleibt man in so einem Dorf ein Weilchen oder man läuft einfach durch. Durch Corona sind einige auch wie ausgestorben. Nichts hat geöffnet und man sieht manchmal nicht einen Menschen auf der Straße. Oft ist es aber auch zu der Zeit der Siesta so, dass alles zu hat und erst gegen 18 Uhr tritt wieder ein bisschen Leben ein.

An diesem Tag feierten wir auch unsere ersten gepilgerten 100 km!  Kaum zu glauben. Es kam mir vor als wäre ich erst losgelaufen und schon hatte ich solch eine Strecke geschafft und so viel gesehen. 

Es wurde immer heißer und es gab kaum Schatten auf dem Weg. Die Temperatur lag bei 35 Grad. Als wir schon ziemlich verschwitzt und müde waren, erwartet uns eine erneute Überraschung. Ein kleiner „Pilgergarten“ wartete auf uns. Ich weiß nicht, von wem er gemacht wurde, aber er war so liebevoll und detailreich gemacht, dass ich es kaum glauben konnte, dass es Mitten in dieser Hitze und im Nichts so etwas gab. 

Der Pilgergarten

Wir legten dort eine Pause ein und machten ein kleines Picknick. Ich lag unter Olivenbäumen, die mir Schatten spendeten und konnte mein Glück kaum fassen. Es war alles so schön und so voller unerwarteter Dinge.

Wir kamen dann Nachmittags in Estella an und wie so oft gefiel uns die Stadt zu Anfang überhaupt nicht. Doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die Eingänge zu den Dörfern und Städten oft nicht sehr schön waren, ihr Charme dann aber im Ortsinnern auf mich wartete. 

In der Unterkunft angekommen, führten wir unsere Pilgerroutine durch und gingen dann noch durch die kleine Stadt laufen. Sie war sehr lebendig und grün und das war nach diesem dürren und ausgestorbenem Weg eine schöne Abwechslung. Wir aßen ein Eis, gingen zum Fluss und beobachteten die Menschen im Park. 

Estella

Am nächsten Tag ging es wieder durch die uns schon sehr bekannte Hitze weiter. Wir wussten noch nicht ganz genau wo unsere Etappe heute enden würde und wollten das je nach dem wie wir uns fühlten entscheiden.

Die Region des Jakobsweges, den wir bisher bewandert haben hieß übrigens Navarra und bald sollte der Übergang zu der Region namens Rioja stattfinden, der weltbekannten Weinbauregion. 

Doch an dem Tag ging es für uns noch weitere 30 km durch die Hitze Navarras. Es gab kaum Schatten und ab und zu fanden wir einen Olivenbaum unter den wir uns hockten, um kurz der prallen Sonne dieses heißen Tages zu entkommen. Relativ früh auf der Strecke, kamen wir an einem Kloster vorbei, vor welchem ein Brunnen platziert war aus dem man sich Wein zapfen konnte. 

Der Weinbrunnen 🙂
unser kleiner Schattenspender auf dem Weg

Wir gingen durch einen Ort namens ,,Los Arcos“, in welchem viele Pilger  üblicherweise dann ihre Etappe beenden und dort über Nacht bleiben. Doch uns war das noch nicht genug und wir wollten noch weitere 8 km zu einem Ort namens ,,Torres del Rio“. In Los Arcos machten wir aber eine kleine Pause, tranken was kaltes und aßen eine richtig leckere Wassermelone. 

Die weiteren 8 km waren noch zieeemlich anstrengend. Ich weiß, ich habe es schon einige Male erwähnt, aber es war so schrecklich heiß und es lag einfach nur ein langer Weg vor uns, ohne Bäume und somit ohne Schatten. Nur der blaue Himmel, die Sonne und wir. Die letzten Kilometer ging es dann noch auf einer asphaltierten Straße in das Dörfchen Torres del Rio, wo man schon von weitem die Kirchenspitze sehen konnte. Ich glaube wir drehten durch die Hitze langsam durch und machten somit ziemlich viel Quatsch auf den letzten Kilometern, indem wir anfingen zu rennen, eine Challenge ohne Sprechen zu machen, dementsprechend aber mit Zeichensprache, oder zu singen. Da Torres del Rio so viel wie ,,Flusstürme“ bedeutet, malten wir uns auch einen Fluss aus, in dem wir nach dieser Hitze baden könnten.

Ab und zu reservieren wir in den Albergues (den Herbergen), oder rufen vorher an und fragen, ob die offen haben und ab und zu, wenn wir wissen, dass es dort mehrere Möglichkeiten zum Übernachten gibt, gehen wir einfach spontan in eine die uns anspricht. In diesem kleinen süßen Ort wartete zwar ein fast schon ausgetrockneter Fluss auf uns aber dafür eine Albergue mit einem Pool, was unsere Pilgerherzchen schneller schlagen lies. Die Albergue war sehr niedlich und dort war, abgesehen von uns, nur noch ein weiterer Pilger, der zufälligerweise auch aus Deutschland kam. Wie immer war erstmal unsere Routine an der Reihe und mittlerweile waren wir zu einem ziemlich gutem Team zusammengewachsen, sodass zum Beispiel das Wäsche Waschen und aufhängen schneller ging. Wir entspannten dann ein bisschen im Pool und saßen auf der kleinen Terrasse. Später gingen wir dann noch Essen und der andere Pilger namens Thomas schloss sich uns an. Es war schön sich mit jemandem auszutauschen und über den Camino und die anderen Pilger zu unterhalten. Thomas hat den Camino ab Düsseldorf angefangen und somit pilgert er seit Juni. Er sah auch ziemlich fit aus und man sah ihm an, dass er kein Pilgerneuling (so wie wir) mehr war. 

Hier auf dem Camino wird oft in Herbergen, den Bars und Restaurants so etwas wie ein Pilgermenü angeboten, welches aus einer Vorspeise, einem Hauptgang und einem kleinen Dessert besteht. Es variiert oft von Region zu Region und auch für mich als Vegetarierin ist auch immer was dabei. Und wenn nicht, dann kriege ich oft Eier mit Kartoffeln oder Reis.

Nach dem vorzüglichen Essen gingen wir dann noch spazieren. Wir fanden eine Stelle wo man das ganze Dörfchen vor sich zu liegen hatte. Es fing langsam an dunkel zu werden und nach und nach fingen and die Lichter in den Fenstern und die Laternen in den kleinen Gässchen anzugehen. Es war so magisch und wieder einer dieser Momente, die ich nicht vergessen werde. Mir wurde wieder mal bewusst, wie wenig man braucht um glücklich zu sein, um diesen Frieden in sich zu spüren und wie leicht es doch war einfach nur im Hier und Jetzt zu sein und den Moment zu genießen, wenn man sich keine Probleme erzeugte.

 

der endlos lange Weg durch die Hitze
die letzten Kilometer nach Torres del Rio
das Pilgermenü
Torres del Rio

Nach den 6 Tagen dieses ganz anderen und neuen Lebens merkte man langsam wie sich ein gewisser Pilgeralltag einschlich. Jeden Morgen werde ich vor 7 Uhr wach, ich packe zusammen, ich fülle meine Wasserflasche auf, ich schnalle mir den Backpack auf den Rücken. Und das einzige was zählt ist loszulaufen, auf dem Weg was zu Essen zu finden, die Natur zu bewundern, gespannt zu sein wo man Abends seine Augen schließen wird und was davor noch für Abenteuer, Überraschungen und Begegnungen auf einen warten. Also einfach mitzufließen.

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