Was ist das Ziel

Kennt ihr es, wenn ihr kurz vor dem Ziel seid und dann kommt euch alles unendlich lang vor ? Oder es sind nur noch fünf Tage bis zu den Sommerferien, drei Tage bis zum Urlaub oder eine Woche bis ihr euren geliebten Menschen wieder seht. Man kann es kaum erwarten und die Sekunden ziehen sich in die Länge. So fühlte ich mich an meinen letzten drei Tagen bevor ich Santiago de Compostela erreichen sollte. Ich dachte den ganzen Jakobsweg über, dass ich mich nicht freuen würde, wenn es soweit wäre. Jedes mal wenn ich die Kilometerzahl auf den Steinen hab runtergehen sehen wurde ich traurig und ich wollte nicht, dass es weniger wird. Doch da ich die letzten Tage des pilgerns nicht so sehr genießen konnte war ich wirklich bereit anzukommen. Ich freute mich schon immer mehr auf Berlin, auf meine Freunde, auf mein Bett und auf eine Badewanne. 

Als ich in Portomarin loslief ging es mir ganz gut. Ich fühlte mich fitter als die Tage zuvor und das Laufen machte mir wieder Spaß. Ich genoss jeden Kilometer, wie ich es getan hatte bevor ich krank wurde. Die Landschaft war mal wieder umwerfend und ich konnte die Schönheit in Allem wieder sehen. Ich lief die ersten Kilometer durch Nebel und ich kam mir vor, als wenn ich durch den verbotenen Wald bei Harry Potter laufen würde. Ich erreichte nach einiger Zeit einen einen etwas höheren Punkt und blickte zurück auf das Tal, welches ich die letzten zwei Tage bewandert habe. Und ich sah nichts als dicken Nebel und Dunkelheit. Ich schaute mich um und blickte in die Richtung in die ich gehen musste und sah einen hellen, einladenden Weg mit viel Sonnenschein und wunderschönen Bäumen. Ich musste lächeln. Die Richtung aus der ich gekommen war, sah genauso aus wie ich mich die letzten Tage gefühlt hatte. Und nun spürte ich die Energie in meinem Körper wieder und stand auf diesem Hügel und wusste ich habe es geschafft. Ich bin durch den Nebel gegangen und jetzt erwartete mich Sonnenschein. Ich liebe solche Vergleiche. Leider können die Bilder diese Schönheit, die ich gesehen habe nicht wiedergeben, aber das kann sich sicher jeder denken. Nach 26 Kilometern war eine etwas größere Stadt, wo viele halt machten. Aber ich fühlte mich so als wenn ich noch weiterlaufen wollte. Ich wusste, dass wenn ich es aber tue ich es riskiere für die nächsten 16 Kilometer nichts mehr zum Schlafen zu finden. Aber ich dachte mir, irgendwas wird schon kommen. Es kommen ja noch einige kleine Orte. Ich hörte Musik, quatschte mit Pilgern, die ich unterwegs traf und freute mich über die schöne Landschaft. Als ich aber nach 8 Kilometern immer noch keine Albergue fand, musste ich der Tatsache ins Auge sehen und mich darauf einstellen, dass ich weitere 8 Kilometer laufen müsste. Ich setzte mich auf einen Stein im Wald. Aß etwas kleines, trank Wasser und ruhte meine Füße aus. Ich motivierte mich und nahm noch mal meine letzte Kraft zusammen. Ich schaffte die 40 Kilometer des heutigen Tages und kam müde und mit schmerzenden Füßen in der kleine Stadt an wo es auch eine Albergue gab. Ich freute mich, dass ich es geschafft habe, denn das zeigte mir, dass ich wieder auf dem Weg der Besserung war. In der Albergue traf ich ein paar Pilger aus Polen und wir unterhielten uns auf polnisch. Es waren die ersten, die ich aus dem Heimatland meiner Eltern traf und ich freute mich mit ihnen in meiner Muttersprache sprechen zu können. Ich machte nicht mehr viel an dem Abend. Ich lief durch die Stadt, die ganz süß war und besuchte eine kleine Kirche, in der ich eine Kerze anzündete und dabei an meine Liebsten dachte (das mach ich ab und zu, wenn ich in der Welt unterwegs bin und ich eine passende Kirche und den passenden Ort finde). Dann legte mich früh ins Bett. Am nächsten Morgen spürte ich, dass ich wieder etwas schwächer war und ich hatte auch wieder etwas dollere Magenschmerzen. Auf die letzten Kilometer war es nicht mehr einfach mit der Planung der Etappen, denn es gab nicht mehr in vielen Orten Alberguen. Die heutige Etappe sollte 35 Kilometer betragen, aber ich bezweifelte, dass ich das schaffen würde. An diesem Tag bemerkte ich aber etwas, und zwar das mich der Herbst, meine liebste Jahreszeit begrüßte und ich freute mich so sehr darüber. Gegen Mittag fing es etwas an zu nieseln und meine Laune wurde dadurch nicht besser. Nach 27 Kilometern hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr weiter laufen konnte. Ich konnte mir nicht vorstellen noch weitere 8 Kilometer zu laufen. Ich hoffte so sehr auf irgendeine Albergue. Egal was, ich würde alles nehmen. Ich lief und lief und wurde immer nasser. Es wurde immer grauer und kälter. Ich lief gerade an einer Schnellstraße entlang und auf einmal sah ich zu meiner rechten einen Rastplatz. Da war eine Art Bar/Restaurant und es sah so aus als wenn Lastwagenfahrer dort zum Essen halt machten. Ich sah oben an dem Gebäude ein Schild, auf dem stand: ,,Albergue“. Ich konnte es kaum glauben! Es war mir ziemlich egal wie schäbig es aussah und was das für eine Gegend war. Ich wollte einfach nur meinen Backpack absetzen, duschen und mich ins Warme legen. 30 Kilometer waren für den Tag geschafft. Doch ich freute mich etwas zu früh, denn meine Nacht sollte alles andere als Erholsam werden. 

der verbotene Wald
meine Kerze
hallo, liebster Herbst

Ich war die einzige in der „Albergue“ und hatte somit ein Zimmer für mich. Zuerst freute ich mich und dachte heute Nacht würde ich mich sicher gut ausruhen. Nach einiger Zeit bemerkte ich aber, dass es in dem Zimmer ziemlich nach Schimmel stank und generell so ein Geruch von etwas Altem in der Luft lag. Ich machte das Fenster auf, welches in einen kleinen Hof hinausging und ich dort teilweise nur Rohre sah aus denen komische Essensgerüche rauskamen. Naja…besser als Schimmel, dachte ich mir. Ich verbrachte meinen Abend mit lesen und am Blog arbeiten. Ich war auch schon etwas aufgeregt, denn morgen würde ich in Santiago ankommen. Ich wäre am Ziel. Was für ein komischer Gedanke. Ich konnte es noch nicht so richtig begreifen und ich dachte nicht weiter darüber nach, sondern beschloss es auf mich zukommen zu lassen. Ich lies das Fenster offen und legte mich ins Bett. Es war etwas gruselig, denn ich wusste ich war alleine und ich war mir auch nicht ganz so sicher, ob die Besitzer auch in dem Haus waren. Ich versuchte schnell einzuschlafen und nicht darüber nachzudenken. Eine Mücke summte an meinem Ohr und nach einigen Minuten spürte ich schon einige Mückenstiche an den Armen. Sie würde sich schon sattessen und verschwinden, dachte ich mir. Ich versuchte mich komplett in meinen Schlafsack einzumummeln, um mich vor der Mücke zu schützen. Ich hörte wieder den hohen Ton der Mücke an meinem Ohr bevor ich dann endlich einschlief. Gegen zwei Uhr nachts wachte ich auf und spürte, dass es an meinem Körper überall juckte. Ich hatte das Gefühl ich hatte Mückenstiche überall. An den Armen, Beinen, am Rücken und Bauch und sogar in meinem Gesicht. Ich nahm meine Ohrstöpsel aus meinen Ohren und war mir sicher, ich hörte nicht nur eine Mücke. Ich stand schnell auf und schloss das Fenster. Ich hatte eine böse Vorahnung was mich erwarten würde, wenn ich das Licht anmachen würde. Aber ich konnte nicht drumherum kommen und wagte es auf den Lichtschalter zu drücken. Und was ich sah war alles andere als schön. Die komplette Wand an meinem Bett war voll mit Mücken. Ich kann wirklich nicht sagen wie viele es waren, aber es waren so viele das mir schlecht wurde. Ich fühlte mich körperlich richtig angegriffen. Denn sie hatten mich einfach komplett zerstochen. Normalerweise töte ich wirklich nicht gerne. Auch wenn es „nur“ eine Mücke ist. Ich denke mir oft, dass sie schon verschwinden wird, wenn sie satt ist oder zu jemand anderem fliegt. Aber nun blieb mir nichts übrig. Ich war erschöpft und müde und wollte ich heute noch mal einschlafen und nicht als einziger Mückenstich und ohne Blut aufwachen, musste ich sie töten. Also verbrachte ich die nächsten anderthalb Stunden damit alle Mücken im Zimmer mit meinem Flipflop zu jagen. Es waren so viele. Am Anfang ging es leicht, denn ich konnte überall hinhauen und erwischte mehrere auf einmal. Doch als es weniger wurden und sie auch noch rumflogen musste ich wirklich geduldig sein und lauern. Die Wände waren voll mit Blut und es machte keine Freude das zu tun. Ich gab mich erst zufrieden als keine einzige Mücke mehr übrig war und legte mich erschöpft ins Bett. Das Fenster konnte ich nicht mehr aufmachen. Also musste ich mich an den Schimmelgeruch gewöhnen. Es war eh schon früh am Morgen also wusste ich, dass ich nicht mehr lange in diesem Zimmer verbringen musste. Ich brach ganz früh auf, denn ich wollte ganz schnell weg aus diesem Ort, der mir nun wie ein Alptraum vorkam. Es war noch dunkel und sehr neblig und es nieselte etwas. Ich lief an der Schnellstraße entlang und dann ging es durch einen Wald. Ich muss schon sagen, dass mir etwas mulmig zumute war. Dort war keine einzige Menschenseele und auch kein Licht. Ich machte meine Handytaschenlampe an und lief schnellen Schrittes Santiago entgegen. Nach einiger Zeit wurde es heller und mir ging es dann auch schon etwas besser und meine letzte Nacht verschwand aus meinen Gedanken. Ich hatte wieder etwas Appetit und meinem Magen ging es besser, sodass ich nach einigen Kilometern eine schöne Bar fand und ich endlich wieder mit Freude frühstückte. Der Mann, dem die Bar gehörte war so nett und wünschte mir eine schöne letzte Etappe. Er empfahl mir auch einen selbstgemachten Kuchen, der wirklich eine der besten Sachen war, die ich auf dem Camino gegessen habe. Ich quatschte mit meiner Mama am Telefon, genoss mein Frühstück und ließ mir Zeit. Meine Etappe heute war nicht mehr lang. Mir blieben ca. 16 Kilometer bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela. Es wurde auch immer voller auf dem Weg, denn viele Hobbypilger, die nur die letzten 100 Kilometer machten liefen mit mir. Ich denke es waren größtenteils Gruppen von Freunden, Schulausflüge und andere Veranstaltungen. Die Leute hatten teilweise nur kleine Rucksäcke und sie sahen aus wie auf einem kleinen Ausflug. Sie freuten sich und strotzten nur so vor Energie. Das konnte man von mir nicht behaupten. Ich sah sie an und dachte an meinen zurückgelegten Weg. An alles was ich erlebt hatte und es kam mir so Ewigkeiten her vor, dass ich in Saint-Jean-Pied-de-Port meinen Rucksack das erste mal aufgesetzt habe und voller Neugierde und Aufregung losgelaufen bin. Ich muss sagen, dass ich mich immer noch nicht fit fühlte, sich die letzten Kilometer eher schleppend anfühlten und ich gereizt war. Doch dann kam ich in der Stadt an und ich spürte, dass es bald vorbei sein würde. Ich lief weiter ohne groß nachzudenken, denn ich wusste nicht wirklich was mich gleich erwarten würde. Ich lief seit 27 Tagen durch Spanien und gleich würde alles vorbei sein. Was soll man da denken? Ich erreichte die Altstadt. Sie gefiel mir. Ich dachte, dass mehr Menschen unterwegs sein würden, aber irgendwie verlief es sich. Ich sah mehr Pilger als noch vor einer Woche, aber dennoch nicht allzu viele. Und dann kam ein Tor, ich lief durch und befand mich auf einmal auf der großen Plaza und vor mir stand die Kathedrale. Ich stellte mich vor sie und blickte hoch. Ich fühlte mich irgendwie verloren. Ich suchte den Platz nach bekannten Gesichtern ab, ich wollte meine Freude und Leere mit irgendwem teilen. Ich sah die polnischen Jungs freudig auf dem Boden sitzen. Ich lief zu ihnen und wir klatschten ab. Das hab ich unbedingt gebraucht. Und dann stand ich da und wusste nicht wohin mit mir. Ich lief die Plaza auf und ab und war einfach zerstreut. Was wollte ich nun machen? Sollte ich eine Nacht hier bleiben und dann morgen den Bus nach Finisterre nehmen? Ursprünglich wollte ich nämlich noch dorthin ans „Ende der Welt“ zur Atlantikküste laufen, aber mir war ehrlich gesagt nicht mehr danach. Jedenfalls meinem Körper nicht. Aber es war noch nicht mal 14 Uhr. Heute den Bus zu nehmen wäre aber etwas spät, da die Buszeiten unpraktisch waren, sodass ich Finisterre nicht vor der Dunkelheit erreichen würde. Ich war mal wieder hin- und her gerissen. Alle Pilger die ankamen gingen in ein Büro um die Ecke um sich ihre Pilgerurkunde abzuholen und dort ging ich dann auch erstmal hin. Ich traf da auf noch mehr bekannte Gesichter. Unter anderem auf Micha und die deutsche Frau, die mich damals vor dem Dieb gewarnt hatte. Ich unterhielt mich mit den anderen und ich spürte, wir teilten alle dieses komische Gefühl. Diese Erleichterung, die Freude aber auch dieses Gefühl von einer komischen Leere. Micha und ich sahen und ungläubig an und umarmten uns innig. Als ich ihn das erste mal vor fast vier Wochen kennengelernt hatte, hätte ich niemals gedacht, dass ich mit ihm an meinem letzten Tag diese Gefühle teilen würde. Und dann ging alles ziemlich schnell, wie so oft in meinem Leben. Ich gab mir nicht mal die Chance in Santiago anzukommen. Ich stieß auf Twan, den älteren Niederländer, den ich schon seit einigen Wochen immer wieder traf. Er erzählte mir er würde sich mit zwei anderen Jungs ein Auto mieten und sie würden nach Finisterre fahren. Die anderen warteten schon auf ihn. Ich fragte ihn spontan, ob sie noch einen Platz hätten und 15 Minuten später saß ich dann, meine Pilgerurkunde in der Hand, im Auto mit Twan, Alex und Jacomo und es erwartete mich ein wunderschöner, spontaner und unerwarteter Roadtrip. Ist das Leben nicht schön, wenn man einfach mit fließt und es auf sich zukommen lässt, dachte ich mir zufrieden.

die letzte Etappe
der leckere Kuchen
ich bin da 🙂
Die Kathedrale von Santiago de Compostela

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