Das Leben nach dem Camino

Ich habe von vielen Leuten gehört, dass sie es ziemlich schwer hatten sich wieder in das „normale“ Leben nach dem Camino einzufinden. Warum? Weil das Leben auf dem Camino wie ein eigenes kleines Leben ist. Und man gewöhnt sich schnell an die neue Lebensweise. Wie zum Beispiel an die tägliche und einzige Aufgabe, die man hat. Man muss nicht darüber nachdenken was man tun wird und man hat keinerlei neue Probleme. Man denkt nicht nach, was man Abends essen wird, sondern isst das was man findet. Man muss sich nichts neues kaufen, nicht zur Post um ein Paket abzugeben, nicht zum Bürgeramt und nicht zur Krankenkasse. Man ist frei, ohne Termine und fühlt sich so leicht. Ebenso entwöhtn man sich auch schnell von einigen Dingen wie den tägliche Erledigungen, die man von zu Hause so kennt. Putzen, einkaufen, Briefe aufmachen. Man „muss“ niemanden treffen oder sich melden, denn man ist ja auf dem Camino und beschäftigt. Beschäftigt mit sich selbst und damit einfach mal loszulassen und den Kopf frei zu bekommen. Und es klappt bei den meisten ziemlich schnell. Auf einmal bemerkt man, dass viele vermeintliche Probleme auch gar keine Probleme sind. Dass es leicht sein kann, wenn man das möchte. Der Kopf wird immer freier und es fühlt sich so an als wenn man sich einer Art „Mind Detox“ unterzieht.  Jeder Mensch kommt ja auch aus einem anderen kleinen Leben. Manche stehen kurz vor einem Burn out, manche wollen sich ablenken und ihre alltäglichen Probleme mal zur Seite legen, einige wissen nicht was sie mit ihrem Leben anfangen sollen und einige gehen aus Neugierde los. Doch egal aus welchem kleinen Leben man kommt, jeder kennt den Alltag und jeder weiß wie schnell es gehen kann sich darin zu verlieren. Manche mehr manche weniger. Bevor ich zum Camino aufbrach hatte sich für mich in meinem Leben mal wieder alles verändert und ich startete ein neues Kapitel. Deshalb war ich vor dem Camino gar nicht mal so eingespannt und im verrückten Alltag gefangen. Dennoch habe ich den Unterschied, als ich zurück kam, bemerkt. Als erstes fielen mir die Gespräche von Menschen auf. Diese Gespräche, die mir so belanglos vorkamen, dass ich erschrak. Sie unterhielten sich über ihre Rente, obwohl sie noch mindestens 20 Jahre keine bekommen würden, sie ärgerten sich über die zu spät kommende Bahn und über das regnerische und dunkle Herbstwochenende. Überall hörte ich diese Art von Gesprächen. Unangekündigt und mit voller Wucht wurde mir die Sinnlosigkeit vieler Sachen schmerzhaft bewusst. Ich kam mir vor als würde ich in einem neuen Leben sein. War das schon immer so gewesen? Konzentrieren wir uns immer auf die negativen Dinge bzw. machen die Dinge zu solchen? Ich glaube ja… jedenfalls sehr oft. Der Mensch tendiert im Laufe des Lebens in solch ein Verhalten rein zu rutschen und das ist mir nicht erst nach dem Camino klar geworden, aber nach dem Camino fühlte ich es in jeder Zelle meines Körpers und ich wurde unruhig. Ich beschäftige mich schon etwas länger mit der Frage nach dem Sinn und hinterfrage Verhaltensweisen, Denkmuster und Glaubenssätze. Sie sind alle tief in uns verankert und wir wissen teilweise gar nicht, dass sie unser Leben bestimmten. Das nächste Mal, wenn du etwas schlechtes über jemanden sagst, oder meckerst, dass es regnet oder dich mal wieder über deinen Job aufregst, halte inne. Halte kurz inne und werde dir bewusst wie oft du negativ über Sachen denkst. Und denk darüber nach, ob es wirklich so schlimm ist oder ob sich ein tief verankerter Glaubenssatz oder eine Gewohnheit darin wiederfinden lässt. Wäre es nicht schöner, wenn man sich gegenseitig mit einem Lächeln auf der Straße begegnen würde? Wenn man nicht zögern müsste die Ladenmitarbeiterin bei Lidl etwas zu fragen oder wenn man ohne Angst seinem Chef eine Email mit einer Frage schicken könnte?  Natürlich wäre es schöner… doch wir Menschen stecken in dieser Negativspirale und merken nicht mal, dass es so ist. Aber man kann austreten. Und das kann man nur, in dem man bei sich selbs anfängt. Du brauchst keinen zu verändern um ein schönes Umfeld zu kreieren. Änder deine Energie und deine Einstellung zu vielen Dingen und du wirst sehen wie sich alles um dich ins Positive verändern wird. Weißt du wie viel positive Energie du übrig hättest und wie viel Schönheit und Freude du auf einmal spüren würdest, wenn du nicht ständig auf der negativen Ebene unterwegs wärst ? Die Camino Energie muss nich auf dem Camino bleiben. Sie kann auch hier sein, da bin ich mir sicher. Doch nun, ein Monat später finde ich mich auch immer wieder in mittlerweile meinem Alltag. Wohnung, Job, Freunde, Ziele, Pläne, die zu Grübeleien führen. Und da ist er wieder. Der mir wohlbekannte Trott. Doch ich erinnere mich immer wieder daran, dass es so nicht sein muss. Dass ich selbst mein Leben kreiere und ich selbst entscheide wie ich mich fühlen möchte. Vor allem die Sache mit den Zielen und Plänen hat mir die letzten Tage etwas zu schaffen gemacht. Ich bin ein Mensch, der sehr viele Ideen und Träume hat und ich sie am liebsten alle sofort umsetzen wollen würde. Ich übernehme mich dann und am Ende mache ich nichts davon oder einen Teil, kann ihn aber nicht genießen, weil ich zu viel um die Ohren habe. Und dann erinnerte ich mich an etwas was ich auf dem Camino gelernt habe. Und zwar, dass nicht das Ziel das schönste an einem Traum oder Plan ist, sondern der Weg dorthin. Klar, es war auch ein schönes Gefühl vor der Kathedrale in Santiago de Compostela zu stehen und stolz auf sich sein zu können, es geschafft zu haben. Aber wenn ich an den Camino denke, denke ich an die unendlich vielen schönen Moment, die ich unterwegs erleben durfte. An die wunderschönen Sonnenaufgänge, an die interessanten Menschen auf dem Weg, an meine Gedanken, die ich hatte und an die Hindernisse, die ich überwunden habe. Und dann ist auf einmal der Stress wieder abgefallen. Ich muss nirgendwo schnell ankommen oder etwas beenden. Das einzige was wichtig ist, ist den Weg dorthin zu genießen, denn er ist wunderschön, aufregend, nicht immer leicht, aber ich kann lernen und in meiner Persönlichkeit wachsen und er ist das einzige was existiert. Und an sich muss man nichts an seinem Alltag ändern, wenn er einem gefällt, aber sich bewusst werden wie man ihm entgegen tritt. Möchte ich ihm so entgegentreten wie es bestimmt über 90% der Menschen jeden Tag machen, in dem sie schon morgens den Tag einfach nur hinter sich bringen wollen? Oder so, dass ich in jedem Morgen, in jeder kleinen Begegnung mit einem Menschen und in jedem Regentropfen oder Sonnenstrahl die Schönheit und Liebe dieses Lebens spüre? Ich wähle das Zweite.

Somit wünsche ich euch einen wunderschönen Abend und vielleicht probiert ihr es auch bewusster durch den Tag und somit durch euer Leben zu gehen, falls ihr es nicht schon tut. Der Unterschied ist ziemlich groß 🙂
 Ganz viel Liebe ♡

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Mama

    Unseres Leben ist ein Camino, nur wir vergessen es so oft. Ich lerne so viel von dir meine Töchterlein 🙂

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