¡Buen Camino!

Buen Camino! Diesen Satz hört man hier ständig. Und jedes mal zaubert er mir ein lächeln ins Gesicht. Man sagt ihn sich mit den anderen Pilgern gegenseitig und auch die Menschen die an einem vorbeilaufen wünschen einem immer wieder einen guten Weg. Drei Tage bin ich nun schon richtung Santiago de Compostela gepilgert, habe die Pyrenäen überquert, tolle Menschen kennengelernt und bin definitiv an meine Grenzen gekommen.
In meinem ersten Beitrag habe ich geschrieben, ich würde mich freuen auf die Zeit mit ,,meinen Backpack, der spanischen Sonne und mir“. Ich muss da noch einiges hinzufügen. Es sind doch paar mehr Sachen dazugekommen.
Zum Beispiel die Kilos, die den Backpack füllen, und die man den ganzen Tag um sich geschnallt hat, die schrecklichen Schmerzen im Rücken, den Füßen und eigentlich jedem Körperteil. Die blauen Flecken an den Hüftknochen vom Backpack, die verbrannte Haut im Gesicht und an den Schultern, die Hitze und die Müdigkeit. Aber natürlich auch die wundervolle sich ständig ändernde Landschaft, die Sonnenaufgänge, die vielen tollen Menschen, die kleinen süßen Brunnen, die einem das Leben retten und die Überraschungen, die jeder Tag für einen bereit hält, wenn man sich ihnen öffnet. Man könnte denken: Ja man läuft 800km durch Spanien, Tag ein Tag aus, es muss ziemlich eintönig sein, oder? Aber ich habe nach drei Tagen schon das Wissen, dass jeder Tag so unterschiedlich und aufregend ist, dass ich jeden Morgen voller Freude aufstehe und gespannt bin was er heute mit sich bringt.
Ja, das Laufen nimmt die meiste Zeit des Tages ein, aber keine Strecke gleicht der anderen, jede kleine Herberge ist anders, man weiß nicht ob man neue oder eher bekannte Gesichter auf dem heutigen Weg trifft. Man weiß nicht in was für einem Café man heute seine Pause einlegen wird. Durch welche niedlichen spanische Dörfer wird man heute laufen? Was wird heute am meisten weh tun? Wo wird man sich niederlassen und mit wem wird man den Abend ausklingen lassen ?
Ich habe oben erwähnt, dass ich an meine Grenzen gekommen bin. Ja, nach zwei Tagen um genau zu sein. Ich musste nämlich mal wieder etwas übertreiben und nicht eine Etappe an einem Tag machen, sondern 3 in zwei Tagen. Pilger wie mich findet man aber auch zu genüge. Und so einen habe ich dann auch direkt an meinem ersten Tag kennengelernt. Ich bin gerade die ersten 5 km gelaufen, als ich meinem Pilgergefährten über den Weg lief. Und ab da liefen wir die nächsten Etappen gemeinsam. Am ersten Tag haben wir 34 km gemacht und das auch noch die Pyrenäen hoch.

Meinen Tag fing ich an, in dem ich in einer kleinen Boulangerie halt mache und mir ein Pain de chocolate für den Weg holte. Ich lief in der Morgendämmerung über eine kleine Brücke, die mich der Besteigung der Pyrenäen näher bringen sollte.  Ich lief an kleinen Häuschen vorbei, wo schon in dem einen oder anderen ein kleines Licht brannte und ich mir vorstellte wie jemand sich gerade seinen ersten Kaffee zubereitet, um mit seinem kleinen Ritual in den Tag zu starten. Ich lief an Feldern vorbei, wo die Kühe schon fleißig am Gräser mampfen waren und ich beobachtet sie eine Weile. Einige kuschelten sogar. Alles sah so friedlich aus an diesem wunderschönen Morgen in dem kleinen französischen Dorf. Die Sonne ging langsam auf und durch die Farben, die die Sonne mit sich brachte kam auch ein Versprechen: Es würde ein guter Tag werden.

Es ging nur hoch und hoch. Die Ausblicke waren wunderschön und es war auch gar nicht so heiß, denn der Wind war sehr stark, sodass er mich ab und zu vom Weg wehte. Da war ich froh, meinen Backpack an mir kleben zu haben.

In einem Ort namens Roncesvailles machten wir halt und aßen zu Mittag. Hier blieben die meisten Pilger dann über Nacht. Aber wir liefen noch weiter. Die letzten km des Tages ging es bergab, aber das hatte keine große Bedeutung mehr, denn jeder Schritt tat weh und jeden weiteren Kilometer schaffte man gerade noch so. In Espinal (einem kleinen Dorf) angekommen war dann meine Pilgerherberge, welches ich mir im Vorraus gebucht hatte. Während der Coronazeit wird einem empfohlen diese nämlich vorzubuchen, da die Schlafkapazitäten gerade sehr eingeschränkt sind.
Und wo früher einen die Herbergenbesitzer im Flur haben schafen lassen, sollte es voll sein, können sie dies heute nicht mehr tun. Ich war so müde , dass ich nur noch meine Sachen wusch und direkt ins Bett ging. Aber obwohl ich so schrecklich müde war, konnte ich kaum schlafen. Ständig ging jemand rein und raus, machte eine Taschenlampe an oder bewegte sich im quietschenden Bett. Ich muss mich wieder ans Hostelleben etwas gewöhnen. Aber durch meinen mir sehr wohlbekannten leichten Schlaf, habe ich mich auch nicht sonderlich darauf eingestellt jemals ausgeschlafen zu sein. Am nächsten Tag gings schon im Dunkeln weiter. Was ich aber auch nun vermeiden werde, denn ich habe mich direkt verlaufen.

Der Camino ist nämlich durch einige Zeichen ausgeschildert. Mit der Zeit lernt man diese zu sehen. Es sind entweder Zeichen an der Wand, eine Muschel auf dem Boden, oder einfach nur ein hingemalter gelber Pfeil (welcher mir oft in verzeifelnden Momenten den Weg gewiesen hat). Nur leider konnte ich im Dunkeln diese gelben Pfeile nicht sehen und bin nicht abgebogen an einer Stelle, wo ich hätte abbiegen müssen. Nach einiger Zeit bin ich wieder zurück, denn ich fand keine weiteren Zeichen, die oft an Gabelungen oder Kreuzungen zu finden waren. Es fing schon an hell zu werden und da sah ich die Stelle mit den Pfeilen. Es waren sogar mehrere und ein ganz großes X , dass man eben nicht geradeaus weiterlaufen soll. Seitdem habe ich beschlossen erst bei Sonnenaufgang loszulaufen.

In Ortschaften oder Städten helfen normalerweise einem die Mitbewohner, den richtigen Weg zu laufen. Sehen sie einen hilflos um sich schauenden Pilger, rufen sie ihm schon vom weiten zu und deuten in die Richtung, in die er laufen soll. Das ist so schön.

Das erste Ziel für mich war es die 15 km bis zu einem Ort namens Zubiri zu schaffen, um dort eine größere Pause einzulegen und dann weitere 21km bis nach Pamplona (einer größeren Stadt) zu machen. Unterwegs traf ich wieder auf meinen Gefährten und wir litten die erste Etappe bis Zubiri gemeinsam. Ich denke diese kam mir besonders schlimm vor, da ich Hunger und überall Schmerzen hatte und auch nicht sehr begeistert von dem Weg an sich war. Dieser führte nämlich durch einen Wald, welcher uns zwar Schutz vor der Sonne gab, aber welcher einige Überraschungen für uns bereit hielt. Zuerst liefen wir durch ein langes Stück mit Spinnenweben. Ständig hingen diese Dinger an uns und alle paar Sekunden hatte man so eine Webe im Gesicht, an den Beinen oder Armen. Danach kamen die Fliegen. Diese dicken, nervigen Fliegen flogen um uns herum, an die Augen, in die Ohren und ins verschwitzte Gesicht. Das machte mich nach einer Weile ziemlich aggressiv. Als die Fliegenetappe dann vorbei war, kamen noch die Raupen, die sich alle paar Meter von den Bäumen abseilten. Irgendwann war es schon unmöglich denen auszuweichen, weil es so viele waren. Und man hatte ständig Raupen und auch wieder Fäden an sich zu kleben. Ich habe auch irgendwas glibschiges mit meinen Fingern zerquetscht, weil ich nicht bemerkt habe, dass da wohl was an meiner Hand war:( Mir taten meine Füße und mein Rücken so sehr weh und ich hatte keine Energie mehr.
Die Idee eine Pause in diesem Wald zu machen kam uns nichtmal in den Kopf. Aber irgendwann, nach den uns endlos vorkommenden Kilometern kamen wir in Zubiri an. Dort machten wir eine lange Pause, aßen etwas und ruhten unsere Füße aus. Nach einer Stunde waren wir wieder startklar. Es ging nochmal kurz in den Supermarkt, um uns auf den laaaangen Weg zu wappnen. Es fühlte sich ein bisschen an, wie wenn man sich auf etwas ganz schlimmes vorbereitet. Man wusste es wird schrecklich werden,
aber wir machten es trotzdem. Mein Trick dabei ist, gar nicht erst darüber nachzudenken, dass es eventuell auch eine Option wäre, einfach nicht weiterzulaufen. Ich hatte es mir so vorgenommen und ich wollte es auch schaffen. Wir nahmen uns vor viele Pausen einzulegen und es entspannt anzugehen. Die ersten 10 km ging es ganz gut und sie vergingen ohne große Schmerzen. Als wir dann nach weiteren Kilometern anfingen wieder jeden Schmerz im Körper zu spüren, machten wir an einem Ufer halt. Dort war ein kleiner Wasserfall und man konnte sogar ein bisschen Schwimmen. Es war der perfekte Ort zum ausruhen. Wir aßen einige Snacks und genossen es an diesem wunderschönen Fleckchen zu sein.

Um weiterzulaufen und nicht dort zu bleiben, mussten wir schon etwas mehr Willenkraft aufbringen. Denn nun waren die Schmerzen immernoch präsent und der Energielevel wurde zunehmend niedriger. Wir bemerkten, dass wir auch schon relativ spät dran waren. Der Herbergenbesitzer hatte uns ausdrücklich gebeten bis 19 Uhr da zu sein. Es war nach 16:30 und wir hatten noch etwas mehr als 11 km vor uns. Das hieß für uns, dass keine Zeit mehr blieb für noch so eine Pause. Und da wir auch wussten, dass uns ein
Hügel oder Ähnliches erwartete und wir noch eine Strecke durch die Stadt laufen mussten, hoben wir unser Tempo an. Unterwegs fingen wir dann an irgendwelche Spiele zu spielen, oder zu singen um uns zu motivieren. Denn mit jedem Kilometer wurde es schlimmer und schlimmer. An die letzten 7km kann ich mich kaum erinnern. Da kam nämlich der besagte Hügel und der gab mir den Rest. Es war so heiß und ich hatte unglaubliche Schmerzen in den Füßen und im Rücken. Es heißt, dass jeder Pilger im Laufe des Jakobsweges mindestens einmal weint. Ich dachte, das wäre doch ein guter Augenblick, aber dazu war mein Körper nicht mehr im Stande, denn er
wusste wohl dass er die Energie für was anderes brauchte. Dann kam endlich die Stadt, was ein kurzer Glücksmoment war, aber dann wurde uns nochmal bewusst, dass wir jetzt noch unsere 5 km durch die Stadt laufen mussten. An jeder Ampel an der wir standen und wo dann die Schmerzen nochmal präsenter wurden, kam der Wunsch sich einfach nur auf die Straße zu legen und nie wieder aufzustehen. Dann sahen wir endlich die Kathedrale, die im Kern der Stadt und natürlich etwas höher gelegen war.
Dort sollte auch unsere Herberge sein. Also sammelten wir unsere letzten Kräfte zusammen und gingen die letzten hundert Meter bergauf, hoch zur Kathedrale und hoch zu unserem Ziel. Es war geschafft! und auch noch drei Minuten vor 19 Uhr. Der Tag wird für mich für immer als ,,der Pamplona Tag“ in Erinnerung bleiben. Nachdem ich geduscht hatte und auf meinem Bett saß, realisierte ich, dass ich es tatsächlich geschafft habe und ich war so stolz. Ich war auch so dankbar für meinen Gefährten, denn ich weiß nicht wie es mir alleine ergangen wäre.

Wir gingen dann noch kurz raus um was zu Essen. Wir waren froh, dass wir mitten in der Stadt waren also war das nächste Café nur paar Meter entfernt. Wir waren so zufrieden und nachdem wir gegessen haben, fühlten wir uns auch wieder lebendiger. Als wir wieder zurück ins Hostel wollten, sahen wir dass es regnete. Wir gingen auf die Straße und es war so schön. Der Regen, die große und anmutige Kathedrale vor uns und diese tiefe Zufriedenheit in uns.

Ich bekam wieder kaum Schlaf die Nacht, denn die Straßengeräusche waren sehr laut, und ständig machte jemand das Licht im Flur an, welches mir direkt ins Gesicht schien. Aber am nächsten Morgen war ich wieder höchstmotiviert und bereit weiterzugehen. Ich hatte fürs erste genug von 36 km und nahm mir nun eine Etappe vor, welche in etwa 22 km beinhaltete. Das kam mir so wenig vor im Vergleich zu den Tagen davor!

Nach einem kleinen Frühstück ging ich dann los. Ich lief etwas später los als sonst,  denn mein Körper brauchte eine kleine Pause. Aber genau für die Strecke, die mir bevor stand wäre es schlau gewesen so früh es geht loszulaufen. Denn es erwartete mich ein Weg in der prallen Sonne ohne kleinsten Schatten. Aber komplett vermummt und mit super Laune konnte mir auch die Sonne nichts anhaben. Es waren einige Pilger zu sehen und es machte Spaß ein Teil dieser Gruppe zu sein. Denn so fühlte ich mich nun definitiv.

Das Highlight dieser Strecke war ein ziemlich steiler Hügel wo am Ende eine Bank unter einem Baum auf einen wartete. Ich glaube, dass jeder so reagierte wie ich, als ich hochkam. Ich schaffte es grad noch so in dieser sengenden Hitze diesen Hügel hochzukrauchen und stürtze mich sofort auf diese Bank, um in diesem kleinen Schatten für einen Moment wie ein Sack, noch mit dem Rucksack aufgeschnallt zu hängen. Gleich dahinter war dann ein kleines Dorf und eine kleine Herberge bzw. auch Café erwartete die müden und komplett verschwitzten Pilger.

Ich ruhte mich dort eine Weile aus, saß draußen, trank eine schöne kalte Cola und beobachtete die ankommenden Pilger. Jeder dachte sich das gleiche: ,,Er oder Sie hats geschafft!“ und jeder wusste wie der andere sich fühlte. Ich unterhielt mich mit einigen Pilgern und wir tauschten uns über unsere Erfahrungen aus. 

Es waren so viele unterschiedliche Menschen unterwegs in jeglichen Konstellationen. Mutter-Tochter, Vater-Sohn, Mann-Frau, sogar zwei ältere Damen (bestimmt alte Freundinnen) und natürlich auch sehr viele, die so wie ich alleine unterwegs, aber wie man sieht nie einsam waren. Ich hatte noch etwa die Hälfte der Strecke vor mir und diese beschritt ich in schnellem Schritt.

Ich kam an einem Punkt vorbei, wo jeder Pilger ein Foto macht und gerne an diesen Moment zurückdenkt. Auf meinen letzten Kilometern begleitete mich ein etwas negativ eingestellter Mensch, der aber meine Gesellschaft und positive Art sehr genoss und sich nicht abhängen ließ. Nach einigem Kämpfen mit mir selbst ließ ich es einfach zu und am Ende hörte ich schon mehr Positives aus seinem Mund, was mich sehr freute. Der Rest des Weges verlief ohne großartige Ereignisse. Mein heutiges Ziel war ein Ort namens Peunte la reina. Auf der Karte hatte ich gesehen, dass es dort einen Fluss geben soll und ich freute mich tierisch darauf. Meine Herberge war am Ende des Ortes. Der Fluss war dort auch und ich musste noch über die wunderschöne Brücke laufen.
Ich sah von oben einen Spot am Fluss, wo ich mich später definitiv hinlegen würde.

Auch an diesem Tag waren die letzten Kilomter nicht mehr schmerzfrei und ich sehnte mich anzukommen. Wie nach jedem Tag des pilgerns, wenn man in der Herberge angekommen ist, machte ich meine Routine, die das Duschen, Wäsche waschen und das Bettt für die Nacht vorbereiten beinhaltet. Es war erst später Nachmittag und ich hatte noch genug Zeit und auch Energie übrig um wieder in die Stadt reinzugehen, was zu Essen und mich dann an den Fluss neben der Brücke zu legen. Ich lies die Abendsonne auf mich scheinen,machte meine Augen zu, hörte ein bisschen Musik und genoss das Gefühl auf diesem Gras zu liegen. Um mich rum genossen auch andere Menschen diesen wunderschönen Moment. Ich machte meine Augen auf und schaute hoch zur Brücke und ich kann gar nicht beschreiben was ich in diesem Moment spürte. Es war alles einfach so schön. Ich war so Dankbar für diesen Moment, dafür dass ich hier irgendwo in Spanien in diesem süßen Ort in Frieden, mit vollem Bauch und der Sonne auf meinem Gesicht liegen durfte. Und der Moment wo mir auf dem Jakobsweg die Tränen kamen, kam früher als gedacht.

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