Abschiede in León

Ich glaube das wundervollste am Camino für mich ist, dass er für jeden, obwohl man mehr oder weniger den gleichen Weg läuft, komplett anders ist. Er ist mit komplett anderen Emotionen verbunden, mit anderen Eindrücken, mit anderen Schmerzen und mit anderen Menschen. So oft habe ich darüber nachgedacht, wie wohl der Camino für mich ausgesehen hätte, wäre ich einen Tag später oder früher losgelaufen und hätte ganz andere Menschen kennengelernt, oder in einem anderen Monat, wo anderes Wetter gewesen wäre und ich mich anders gefühlt hätte. Es hätte gereicht, hätte ich an einem Abend in einem anderen Ort halt gemacht oder hätte mich entschieden mich zu einer fremden Gruppe an den Tisch zu setzen. Alles wäre wahrscheinlich anders gewesen. Aber genau so wie mein Camino verläuft ist er perfekt. Er ist einzigartig und voller Überraschungen. 

Das große Wiedersehen in ,,Mansilla de las Mulas“ war echt schön. Wir hatten eine wunderschöne Albergue mit einem riesen Garten, wo es viele schöne Sitzmöglichkeiten gab. Und so haben wir quasi den ganzen Nachmittag und Abend damit verbracht dort zu sitzen, zu essen und trinken, ab und zu spazieren zu gehen und wieder im Garten zu sitzen. Die Gruppen durchmischten sich, jeder unterhielt sich mit jedem. Es war so wunderschön. Als ich kurz ins Zimmer ging, um eine Kopfschmerztablette zu schlucken, da ich das Gefühl hatte wieder Migräne zu bekommen, war ich kurz alleine und realisierte wie zufrieden ich war und wie wohl ich mich fühlte. Ich ging raus auf die Straße und fühlte mich so frei. Ich überlegte, dass mir auch noch mindestens drei Wochen bevorstanden und mit einem zufriedenen Lächeln wusste ich, dass das der schönste Sommer meines Lebens war. Ich hatte viele schöne Sommer in meinem Leben gehabt. Ich habe wunderschöne Orte gesehen und Zeit mit wundervollen, geliebten Menschen verbracht. Und auch diese Zeiten waren mir positiv in Erinnerung geblieben. Aber hier war ich, mit Menschen die ich maximal zwei Wochen kannte, lief jeden Tag um die 30 Km, verbrachte meine Zeit meistens in irgendwelchen Dörfern, total fertig vom Laufen und so etwas wie Komfort gab es so gut wie nicht. Und doch spürte ich dieses Gefühl. Und ich merkte, dass der Unterschied nicht die Umstände waren, nicht die Menschen, nicht die Orte, sondern das Gefühl welches ich mir gegenüber entwickelt habe. Ich habe Frieden in mir gefunden und war in der Lage für all die wundervollen Dinge die passierten so viel Liebe zu spüren und vor allem die Schönheit darin zu sehen. Und dadurch traf ich auch all die wundervollen Seelen, weil ich offen war und sie genau das wieder spiegelten, was ich in mir vorfand. 

Am nächsten Tag war der große Tag in León. Es sollte ein großer Abschied werden. Viele mussten zurück in ihre Leben ( da z.B. ihr Urlaub zu Ende ging) , Gruppen trennten sich, da einige schneller laufen mussten und einige noch viel Zeit hatten und manch einer wollte auch noch einen Pausentag in León einlegen. Auch für mich hieß es Abschied nehmen von Allen. Nach León würde ich erstmal alleine weiterlaufen und ich hatte das Gefühl ein neuer Camino wartete auf mich. 

Aaron und ich liefen ein letztes Mal die kurzen 18 Kilometer gemeinsam. Wir frühstückten unterwegs und genossen Aarons letzte Etappe, bevor dieser zurück nach Deutschland musste. Ich war León gegenüber sehr skeptisch eingestellt, da es sich um eine größere Stadt handelte, doch ich wurde wirklich sehr positiv überrascht. Ab dem ersten Augenblick verliebte ich mich in diese süße Stadt. Wir hatten eine Unterkunft direkt am wunderschönen und alten Marktplatz, der sehr lebendig war, da der Tag auf ein Wochenende fiel. Wir waren ziemlich früh da und somit blieb uns viel Zeit, um uns alles in Ruhe anzugucken. León hat auch eine sehr schöne Kathedrale, die wir uns anschauen gingen. Die anderen trudelten im Laufe des Nachmittags ein und wir trafen sie immer wieder mal in der Stadt. Abends wollten wir uns dann zum Trinken und Abschied feiern treffen.

obligatorisches Bocadillo Frühstück
León kommt näher
Marktplatz in León
Die Kathedrale

Abends machten wir dann eine Art „Bar hopping“, tranken Bier und aßen Tapas. Es war ein sehr lustiger Abend und mein spanischer Wortschatz erweiterte sich wieder etwas an diesem Abend 🙂 . Doch je später es wurde, desto sentimentaler wurde ich und ich spürte, dass mir die Abschiede nicht leicht fallen würden. Man könnte meinen durch meine vielen Reisen und vor allem durch meinen früheren Job sollte ich mit Abschieden nun besser klar kommen, denn diese gehörten zu meiner Tagesordnung. Aber ich glaube so funktioniert das nicht, ich glaube ich werde mich nie daran gewöhnen. Auf der einen Seite liebe ich es, dieses bittersüße Gefühl der Traurigkeit, doch gleichzeitig verfluche ich auch diesen Zustand. Ich entschied mich dann gegen Mitternacht die Truppe zu verlassen und nicht wie geplant den nächsten Vormittag noch mit Aaron in León rumzuschlendern, und eventuell auch noch mit Chris zusammen aufzubrechen, sondern früh aufzustehen und viele Kilometer so schnell es ging hinter mich zu bringen.

♡♡♡
Getränke und Tapas 🙂

Das mit dem unauffällig verschwinden hat nicht ganz geklappt und ich war dann noch mit Aaron was kleines frühstücken. Es war auch eins der besten Schoko Croissants, die ich bis jetzt gegessen habe. Und dann gings los und ich lief tatsächlich meine 40 Km an dem Tag. Ich suchte mir ein Örtchen aus, welches eher klein war und fand auch schon vorher heraus, dass es da eine schöne Albergue geben soll. Ich lief durch die mir bekannte Landschaft und genoss das Laufen sehr. Ich fühlte mich gut und hatte viel Energie.

Ich kam relativ spät an, da ich nicht wie gewohnt vor 8 Uhr aufgebrochen bin. Die 40 Km haben sich aber so sehr gelohnt, denn mich erwartete die schönste Albergue in der ich bis jetzt übernachtet habe. Generell eine der schönsten Unterkünfte, die ich gesehen habe. Alles war mit so viel Liebe zum Detail gemacht und das bemerkte ich sofort. Ich überlege nämlich seit einer Weile schon ein eigenes Hostel oder ein Café aufzumachen und deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit besonders den Details zu. Was macht ein Café oder eine Herberge so besonders, dass man unbedingt wiederkommen möchte? Was lässt einen wohl fühlen? Es sind oft kleine Dinge, die aber enorm wichtig sind. Und so staunte und freute ich mich wirklich über jede kleine Ecke dieser Herberge. Es roch überall so gut und war so sauber, es war so schön dekoriert und ich wollte hier nie wieder weg. Meine Müdigkeit war sofort vergessen. Ich verspürte zwar höllische Schmerzen in Waden und Beinen, meine erste Blase hatte sich an einem Fuß gebildet und ich hatte mir wieder ordentlich mein Gesicht und vor allem meine Nase verbrannt, aber ich ignorierte das alles gekonnt. Nichts konnte mir meine Laune vermiesen. Hinzu kam noch, dass ich heute komplett alleine war, bis auf einen koreanischen jungen Mann, der aber in einem privaten Zimmer übernachtete. Und so wurde mein Dorm auch zu einem privaten Zimmer. Heute würde ich gut schlafen. Die Frau, der die Herberge gehörte war übrigens, genauso wie die Herberge, einfach nur toll und konnte gut englisch sprechen, sodass wir uns eine Weile unterhielten. Ich verbrachte einen wunderschönen Abend, indem ich müde aber zufrieden an meinem Blog schrieb. 

Am nächsten Tag lief ich ein bisschen ohne Plan los. Ich wollte schauen wie ich mich fühlte und dann entscheiden wie viel ich laufen würde. Mich erwarteten die üblichen Dörfchen, eine etwas größere und auch schöne Stadt und die heiße Landschaft der Meseta. Doch relativ am Anfang der Strecke erwartete mich eine wunderschöne Überraschung in Form eines kleinen „Hippie Örtchen“ . Ich sah es schon von Weitem. Die vielen bunten Farben und aufgebauten Zelte. Dort waren Schlafmöglichkeiten, Sitzmöglichkeiten und man konnte sogar eine große Auswahl an Snacks und Getränken vorfinden. Alles für Pilger und auf Spendenbasis. Ich war so begeistert. Dieser Ort hatte was magisches. Da es noch früh am Morgen war, war es noch relativ frisch. Ich setzte mich in das kleine „Wohnzimmer“ und bemerkte, dass eine angenehme Wärme von irgendwoher kam. Dort stand ein Gefäß, in dem es brodelte. Ich weiß nicht wie sowas heißt, aber ich hab das schon mal gesehen. Sowas hatte man halt früher, um zu kochen und zu heizen und da war auch eine Heizröhre dran. Ich saß dort und bemerkte ein deutsches Buch. Es waren Zitate aus Paulo Coelhos Büchern. Ich nahm mir Zeit um darin zu lesen und es gesellte sich eine kleine Babykatze zu mir, die gestreichelt werden wollte. Es war ein unglaublich schöner Moment. Kurz vorm Aufbrechen ging ich noch etwas herum und da wachte gerade eine Frau in meinem Alter auf und bediente sich an dem Stand mit den Snacks. Ich ging zu ihr und wir unterhielten uns etwas. Sie erzählte mir, dass sie gestern Abend hier angekommen sei und dieser Ort einem Pärchen aus der Schweiz und Deutschland gehörte, die in dem Gebäude dahinter und auch dem einzigen weit und breit wohnten. Ich war fasziniert und mit diesem Gefühl lief ich dann weiter. Ich machte an dem Tag wieder gute 35 Km und als ich in dem ausgestorbenen Ort, wo ich schlafen wollte dann ankam, merkte ich, dass ich mir fette Blasen gelaufen hatte. Ich humpelte in die einzige offene Albergue und bewegte mich an dem Abend nicht mehr weit. Zum Glück boten sie dort Kleinigkeiten zum Essen an, sodass ich nur einige Meter humpeln musste. Ich lernte einige deutsche Pilger in meinem Alter kennen, aber mir war nicht wirklich nach Gesellschaft zumute und ich ging ziemlich früh schlafen. Ich merkte, dass mein Körper Erholung brauchte.

auf dich ist immer Verlass 🙂
das Hippie Örtchen
das "Wohnzimmer"
kleine süße Katze

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